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Die Nervensägen des Jahres 2011

Eine persönliche Hitliste

Es gebe so einige Menschen, die man in der Liste „Nervensägen des Jahres“ führen könnte, zum Beispiel die komplette FDP. Politisch gesehen hat das nur einer übertroffen: Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg. Aber es gab noch mehr Personen, die wir 2012 nicht unbedingt wiedersehen müssen, beispielsweise die Dschungelbewohner, Lothar Matthäus, Pietro Lombardi und Monica Lierhaus.

Platz 1: Karl-Theodor zu Guttenberg
Kaum hatte man sich gefreut, dass er endlich weg ist, ist er auch schon wieder da. Dieser Guttenberg mit seinen Hunderten Vornamen. Dieser Strahlemann, Politstar, bayerischer Volksheld – ein gefallener Mann. Erst das Nein zur Opel-Rettung, dann die Bundeswehrreform – er schaffte, dass die Menschen im Land ihm vertrauten. Bis die Fassade plötzlich bröckelte. Da wurden blitzartig und zumindest umstritten ein Generalinspekteur und ein Staatssekretär im Zuge der Kundus-Affäre gefeuert („Der Baron stolpert“), später setzte Verteidigungsminister Guttenberg den Kapitän der Gorch Fock ab – zumindest ebenso umstritten.

Das alles aber reichte nicht, einen Baron zum Fall zu bringen. Da musste schon eine Doktorarbeit her. Am besten eine, die mit „summa con laude“ bewertet wurde, und die offensichtlich ein Plagiat ist. Guttenberg, obwohl von einem Großteil des Volkes auf wundersame Art immer noch verehrt, war als Betrüger und Lügner enttarnt und flüchtete erst aus seinem Amt, dann in die USA („Vom Abgang eines Helden, der immer noch einer ist“). Doch wer damit gerechnet hatte, dass der aalglatte Super-Politiker sich erst einmal besinnt und in Reue ertrinkt, hat sich getäuscht.

MiNeun Monate später trat er wieder medienwirksam auf – ohne Brille, ohne Gel in den Haaren, dafür mit einem Buch in der Hand. Alles andere als kritisch, alles andere als reumütig. Das hat inzwischen auch das Volk kapiert. Guttenberg soll erst einmal nicht zurückkommen, sagt die Mehrheit. Und vielleicht sollte er auch einfach wieder in die USA gehen, und Deutschland die guttenberg-freie Zeit genießen lassen.

Platz 2: Thomas Gottschalk und Hape Kerkeling
Will er, will er nicht? Nein, doch, vielleicht? Die nervigste Nachfolge-Diskussion 2011 war definitiv die der ZDF-Sendung „Wetten, dass..“. Wie viele „Wetten, dass..“-Überschriften haben wir in diesem Jahr lesen müssen? Was einige Journalisten an Kreativität vermissen ließen, toppten die ZDF-Macher. Immer wieder neue Namen, immer wieder neue Gerüchte, immer wieder Kandidaten, die sich selbst ins Spiel brachten oder völlig deplatziert wirkten. Das Ende vom Lied? Die letzte von drei letzten Folgen „Wetten, dass..“ mit Gottschalk sind gelaufen, Jauch hat abgesagt, Kerkeling auch. Maite Kelly und Carsten Spengemann würden es machen, das will das ZDF aber nicht. Also: die Diskussion steht genau da, wo sie zu Beginn auch schon stand. Wir freuen uns auf weitere Kandidaten für das Moderatorenamt im Jahr 2012 – oder auf das Aus für „Wetten, dass..“.

Platz 3: Ehec
Hilfe, wir haben eine neue Schweinegrippe. Und die ist so gefährlich, dass wir es lieber sein lassen, Blattsalat, Tomaten, Gurken und Sprossen zu essen („Das war’s! Jetzt aber wirklich!“). Oder am besten ganz auf Gemüse verzichten. Sicher ist sicher. Immerhin sind rund 30 Menschen an dem gefährlichen Ehec gestorben. Eine Epidemie. Zum Glück war die Epidemie bekämpft, bevor Deutschland auf die Idee kam, Tonnenweise Impfstoff zu kaufen, um ihn ein, zwei Jahre später wieder zu vernichten.

Platz 4: Jay Khan/Indira Weis/Sarah Knappik
Endlich wieder ein Zickenkrieg unter D-Promis, die aufgrund einer Verkettung unglücklicher Zustände im Dschungelcamp in Australien gelandet sind, um dort Penisse, Hoden und Würmer zu verspeisen. Igitt. Aber hallo? Was war denn da 2011 los? Sarah Knappik als blonde Model-Zicke war ja von Anfang an klar definiert, aber dass ausgerechnet Sänger Jay Khan den Gegenpart annimmt? Spannend war es – vor allem, als sämtliche Dschungelcamper sagten, sie wollten ausziehen, würde Sarah Knappik nicht gehen. Giftpfeile, Intrigen, Lügen, Tränen. Ein Imageschaden für alle Camp-Bewohner. Außer vielleicht für Peer Kusmagk. Aber wer war das nochmal?

Platz 5: S21
Es war einmal einen Bahnhof, der war der Politik und der Bahn zu hell. Er lag oberhalb der Erde, er war ein Zentrum, aber leider nur ein Kopfbahnhof. Und Kopfbahnhöfe, sowas komisches gibt es nur noch in Paris, wo östlich nur noch Weiden, Kühe und das Meer liegen. Und dann hatte die Politik auch noch Unmengen von Steuergeldern gesammelt, also überlegte sie sich, zusammen mit der Bahn, man könne doch noch einen riesengroßen zukunftsträchtigen U-Bahnhof bauen. Nur fanden die Leute das blöd, mit dem dunklen Bahnhof im großen Loch. Das fand die Politik wiederum doof – und die Bahn erst Recht. Der grüne Retter Winnie nahte, aber unterwegs gab es leider einen Totalschaden. S21 wird gebaut. Scheiße aber auch („Ein halbes Jahr zu früh“).

Platz 6: Monica Lierhaus
Was ein Comeback! Monatelang fragten wir uns, wo Monica Lierhaus steckt. Welche schwere Krankheit hat sie? Wie geht es ihr? Lebt sie überhaupt noch? Überwältigend und rührend ihr Auftritt bei der Verleihung der Goldenen Kamera. Millionen von Menschen sahen eine unfassbar starke Frau in Turnschuhen zum Abendkleid. Aber was kam dann? Binnen Sekunden war der Wow-Effekt, die pure Bewunderung für diese Frau dahin.

Und das alles wegen eines Heiratsantrags. Öffentlich. Auf der Bühne. Wer macht denn sowas? Und wer sie immer noch sympathisch fand, hatte danach noch einige Gelegenheiten, das zu ändern. Etwa, als sie einen 450.000-Euro-Deal unterschrieb, für ein paar Minuten Fernsehlotterie einmal die Woche. Oder in einem riesigen Interview in der „Zeit“, als sie sagte, das Geld brauche sie schließlich zum Leben. Kaum eine Frau fiel in der Gunst der Zuschauer derart tief  – und derart schnell.

Platz 7: Pietro Lombardi und Dieter Bohlen
Juhu, es gibt einen neuen Superstar. Der 259. Superstar, den Dieter Bohlen gefunden hat, ist ein… *Trommelwirbel* … Chaot. Einer, der weder den Text kann, noch sonst irgendwas, aber hey, das reicht für Bohlen doch locker. Und als der Pietro sich dann auch erst noch Konkurrentin Sarah krallte und ihr später medienwirksam einen Heiratsantrag machte – oh mei, da schmelzen doch die Herzen. Zum Glück stehen neue Superstars ja immer nur zehn Wochen in den Medien. Das reicht auch. Mehr Pietrostyle-Jackpot braucht kein Mensch.

(Text: Miriam Keilbach)
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Über den Autor

Miriam Keilbach
Redakteurin

Miriam war 2007 im Gründungsteam von backview.eu. Sie volontierte beim Weser-Kurier in Bremen und arbeitet seit 2012 als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Ihre Themen: Menschen, Gesellschaft, Soziales, Skandinavien und Sport.

Anzahl der Artikel : 59

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