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Die Macht der Bilder

Wieso Nachrichtenfotos die größere Wirkung haben

Zuschauer bei internationalen Katastrophen zu sein, scheint seit Beginn der Industrialisierung ein Phänomen moderner Berichterstattung zu sein. Vor allem durch Medien wie das Internet erreichen Nachrichten in Bild und Ton die heimischen Wohnzimmer immer schneller. Um in der Informationsflut nicht unterzugehen, versuchen sich die Nachrichtenmacher mit besonders eindrucksvollen Bildern gegenseitig zu überbieten.

Das menschliche Gehirn arbeitet mit Standbildern. Während bewegte Bilder wie beispielsweise das Fernsehen oder YouTube zwar unseren Alltag füllen, sind Fotografien trotzdem einprägsamer und haben eine tiefere Wirkung für das Gedächtnis. Um uns etwa komplizierte Vorgänge merken zu können, rufen wir eine Strecke aus abgespeicherten Bildern in unserem Köpfen ab. Diese Methodik erlaubt es uns auch bei absoluter Informationsüberflutung, für bestimmte Ereignisse abgespeicherte Standbilder abzurufen um uns zu erinnern.

Versuche zeigen: Erwähnt man international aufsehenerregende Ereignisse, wie beispielsweise die Anschläge auf das World Trade Center 2001, erinnern sich die meisten Menschen and die gleichen Bilder: Es handelt sich um die Flugzeuge, wie sie in die Türme prallen und so millionenfach auf den Titelseiten von Zeitungen und Magazinen abgedruckt wurden. Um diese Kraft der Bilder wissen Fotoreporter und Medienmacher. Sie führen einen immer erbitterter werdenden Kampf um aufwühlende Fotos.

Dabei gibt es einige Gefahren: einerseits objektivieren Fotos. Sie machen aus einem Geschehen oder einer Person einen Gegenstand – etwas Sinnbildliches. In ihrem Essay „Das Leiden anderer betrachten“ beschreibt Schriftstellerin Susan Sontag diese Macht der Bilder. Oft erscheint eine Szene oder ein Mensch auf einem Foto schöner als in der Wirklichkeit. Jeder Fotograf sieht es als seine Aufgabe, das gewöhnliche Aussehen von Dingen zu verschönern. Dieses kann unbewusst durch die Wahl des fotografierten Ausschnitts passieren.

Mit dieser Wahl kann ein Geschehen oder ein Gegenstand aus dem Kontext getrennt und so ganz neu verstanden werden. Außerdem gibt es die Methode des „verhässlichens“. Durch sie wird der Betrachter – durch die Macht des Hässlichen, manchmal sogar Abstoßendem – zur Auseinandersetzung mit einem Thema aufgefordert. Denn gerade grausame Fotos lassen sich nicht so leicht verdrängen.

Die weitere Gefahr liegt beim Betrachter der Katastrophen-Fotos selbst. Dieser bringt immer eine persönliche Sichtweise auf das Gezeigte mit. In der Kulturwissenschaft wird dieser Erfahrungsschatz aus Kultur und Kommunikation „kollektives Gedächtnis“ genannt. Gemeinsam gemachte Erfahrungen, Bildung, Traditionen und Riten bestimmen die Sichtweise einer Gesellschaft auf bestimmte Dinge. Zeigt man beispielsweise einem israelischen Juden das Foto eines Kindes, das bei einem Anschlag getötet wurde, wird dieser es als Foto eines israelischen Kindes sehen, das von einem palästinischen Selbstmordattentäter getötet wurde.

Dasselbe Foto bekommt – zeigt man es einem Palästinenser – eine gänzlich andere Bedeutung. Diese Art der Deutungsmöglichkeiten nutzten Serben und Kroaten im Balkankrieg als politische Propaganda: Beide Seiten zeigten dieselben Fotos von Kindern, die bei Beschüssen eines Dorfs getötet wurden.

Auch heute verlieren Bilder aus Krisengebieten nicht an Brisanz. In kürzester Zeit können wir Bilder und Berichte aus der ganzen Welt bequem zu Hause aufrufen. TV, Smartphone oder Ipad erleichtern den Zugang zum aktuellen Weltgeschehen. Man könnte meinen, dass es jetzt mehr Nachrichten jetzt als früher gibt. Wahrscheinlich täuscht dieser Eindruck. Heute ist es nur so, dass diese Nachrichten in großen Mengen und durch viele Medien an uns herangebracht werden. Die Nachrichten sind – beinahe – überall zugänglich.

Trotz dieser immensen Informationsmenge ist zu beobachten, dass die Leiden mancher Menschen auf mehr Interesse stoßen als die von Anderen. Nur weil die Möglichkeit besteht sich global über Missstände zu informieren bedeutet das nicht zwangsläufig, dass dies auch die gesamten Bevölkerung tut. Es heißt auch nicht, dass sich das Mitleid in der Gesellschaft für die Verbrechen von Robert Mugabe in Simbabwe erhöht weil die westlichen Medien darüber berichten. Anscheinend wendet versucht sich der moderne Mensch von belastenden Bildern abzuwenden. Dies kann man auch an den ständig sinkenden Zuschauerzahlen von Nachrichtensendungen wie der Tagesschau erkennen.

Die These, dass Menschen immer weniger fühlen und abstumpfen entspricht trotzdem nicht der Wahrheit. Wahrscheinlich wenden sie sich einfach lieber Unterhaltungsmedien zu, weil sie sich von Krisennachrichten überfordert und bedrückt fühlen. Aber auch wenn sich die Betrachter mehr und mehr von den dramatischen Bildern abwenden, verlieren sie nicht ihre Kraft. Die zuvor angesprochenen Standbilder werden weiter existieren und zum Nachdenken anregen. Es bleibt die Hoffnung, dass weiter Fragen gestellt werden, zum Beispiel: Wer hat das verursacht? Ist es unvermeidbar gewesen? Haben wir bisher etwas akzeptiert was durch dieses Bild in Frage gestellt werden muss?

(Text und Foto: Benjamin Eichler)
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Über den Autor

Benjamin Eichler
Anzahl der Artikel : 8

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