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Die konstruierten Geschlechter

Wer bestimmt, was als männlich und weiblich gilt?

Männertag für die Männer, Weltfrauentag für die Frauen – brauchen wir so etwas? Getrieben wird diese Frage auch davon, wie Männer und Frauen eigentlich definiert sind? Wer entscheidet, was männlich ist, was weiblich ist? Eine fast schon wissenschaftliche Analyse.

Wenn in der Werbung der Mann als muskelbepackter Frauenheld dargestellt wird und die Frau hingegen durch ihren femininen Körper definiert scheint, dann sind das Beispiele für die etablierten Mann-Frau-Bilder, die ganz tief in unser Gesellschaftsbild eingeprägt sind. Auch Schulbücher, die den Mädchen stets die Attribute langhaarig, puppenspielend, kochend zuweisen, wohingegen die Jungs raufen und Fußball spielen, stoßen in dasselbe Horn. Schon Kinder werden von den Rollenbildern geprägt, sie erhalten den „Geschlechterstempel“.

Sozial determiniert
Zahlreiche Genderforscher fechten diese geschlechterspezifischen Bilder mit Verve an. In der Forschung wird unterschieden zwischen Gender und Sex. Während Sex das biologische Geschlecht die körperlichen Konstitutionen beschreibt, versteht man unter Gender das soziale Geschlecht.

Das soziale Geschlecht umschreibt, wie die sozialen Normen den Menschen determinieren. Durch Konventionen und Erwartungen werden Entfaltungsmöglichkeiten beschränkt und Freiheiten unterwandert. Die Gesellschaft pflegt diese eingestanzten Bilder durch radikales Schubladendenken. Kleidung, Beruf und Habitus lassen uns Personen Geschlechtern zuordnen.

Durch Werbung, aber auch den realen Alltag werden diese Bilder unzählig wiederholt und bestätigt. Dabei wird das jeweilige Individuum diese Einteilung in ein bestimmtes Geschlecht und damit auch in ein bestimmtes Erwartungsmuster inzwischen als normal und unabdingbar ansehen.

Judith Butler und die Aufhebung des Geschlechts
Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler geht bei diesem Diskurs einen Schritt weiter und löst selbst die Einteilung in Gender und Sex auf. Für Butler existiert kein Unterschied zwischen den Geschlechtern, das Geschlecht existiert hier nur als soziales und künstliches Konstrukt.

Denn eine Trennung zwischen Gender und Sex würde dabei bedeuten, dass das biologische Geschlecht – also der Körper – eine nicht zu hinterfragende Bedeutung einnehmen würde. Das aber verneint Butler, sie sieht auch die Einteilung der Körper als eine soziokulturelle Interpretation an. Eine Trennung des sozialen und biologischen Geschlechter würde bedeuten, dass körperliche Voraussetzungen die Möglichkeiten der individuellen Entfaltung begrenzen, da auch der Körper gewissen sozialen Erwartungen unterworfen ist.

Problematisch ist dabei auch die Frage nach den Geschlechtern zwischen den etablierten Geschlechtern. Wer weder Frau noch Mann ist, der passt nicht ins derzeitige Geschlechterschema. Ein einseitiges Geschlechterbild müsste demnach verworfen werden.

Die Gesellschaft formt Rollen
Derartige Gendertheorien sind nicht unumstritten. Wer jedoch den Fernseher anmacht oder diversen gesellschaftlichen Diskursen über Männer und Frauen lauscht, der dürfte oftmals erschrocken darüber sein, wie sehr diese vorgefertigten, wie in Stein gemeißelten Rollen dort vorgelebt werden. Die Gesellschaft lechzt nach einfachen Bildern, nach simplen Schemata, die das Denken vereinfachen.

Die Frage bleibt bestehen, was ist männlich? Was ist weiblich? Wir selbst bestimmen diese Attribute, die Gesellschaft formt Rollen, und diese werden zahlreich repetiert. Wir konstruieren uns Geschlechter, zumindest konstruieren wir Bilder, wie Männer und Frauen sich doch bitte zu verhalten haben. Die Wirklichkeit jedoch kann und sollte meist ganz anders aussehen.

(Text: Jerome Kirschbaum)
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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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