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„Die Kirche hat nichts dazu gelernt!“

Über einen Missbrauchsfall durch einen Geistlichen
Unzählige Missbrauchsfälle sind in den vergangenen Wochen durch die Medien gegangen. Die Öffentlichkeit ist schockiert über die Handlungen von einigen Geistlichen. back view hat mit einem Betroffenen gesprochen, der bereits mit zwölf Jahren zu einem Opfer wurde: Benedikt Treimer.

Er war zwölf Jahre, als es geschah. In der kleinen bayrischen Gemeinde Viechtach findet 1999 das alljährliche Osterfest statt. Benedikt Treimer ist Ministrant und mit seinen jüngeren Geschwistern und seinen Eltern auf dem Fest. Als die meisten Familien schon nach Hause gegangen sind, ist Familie Treimer noch auf dem Gemeindefest. Die Kinder kommen auf die Idee, sich die Zeit zu vertreiben und fragen den Pfarrer, ob er mit ihnen spielt. „Er war ein umgänglicher Typ“, erinnert sich der heute 23-jährige Treimer. Der Pfarrer war bei den Kindern beliebt, er schlug vor, mit ihnen fangen zu spielen. „Wen ich erwische, der gehört mir“, meinte er.

Ein Satz, der sich in Benedikts Gedächtnis eingeprägt hat, wie er heute sagt. An Benedikts Geschwistern zeigt der Pfarrer kaum Interesse, er ist auf den 12-Jährigen fixiert. Der Pfarrer „erwischt“ Benedikt im Spiel. Kurz darauf ist seine Hand in der Hose des Jungen. Danach lockt der Kirchenmann Benedikt in einen Nebenraum, während sich seine Geschwister „verstecken“ müssen. Er wolle Benedikt nur „aufklären“, erzählt er dem Jungen – während er ihn zwingt, seine Hose herunter zu lassen und ihn unsittlich berührt. Er wolle ihm nur „weiterhelfen“, denn er könne ihn besser aufklären, als die Eltern. Es sei ein „Geheimnis“ zwischen ihnen.

Das Wichtigste bleibt unerfüllt
Noch geschockt von den Ereignissen des Abends verlässt Benedikt daraufhin mit seiner Familie die Feier. Er ist zu traumatisiert und will den Eltern eigentlich nichts erzählen, doch seine jüngere Schwester bricht das Schweigen. „Unsere Eltern haben es zuerst nicht fassen können, doch sie haben uns sofort geglaubt“, erinnert sich der junge Mann.treimer_textDie Treimers nehmen sich sofort die Hilfe eines Anwalts, doch anzeigen will Benedikt den Pfarrer zuerst nicht. Er hat Angst, dass dann alle im knapp 9 000 Einwohner zählenden Städtchen wissen, was vorgefallen ist. Der Pfarrer wird vom Ordinariat beurlaubt. Er sei „krank“ hieß es eine ganze Weile in Viechtach, dann war der Pfarrer verschwunden, aus dem Dienst entlassen. Zwischen dem Ordinariat und der Familie Treimer wurde schriftlich festgehalten, dass Benedikt Schmerzensgeld erhält und jederzeit Anrecht auf eine vom Ordinariat bezahlte Therapie hat.

Die wichtigste Forderung der Treimers jedoch wurde nicht in das Dokument aufgenommen: Der Pfarrer, der sich an Benedikt verging, sollte nie wieder in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden. Diese Entscheidung sei dem Bistum überlassen, hieß es zur Abweisung. Zwölf Monate Bewährungsstrafe erhielt der Pfarrer. Im Gerichtsgutachten wurde ihm Pädophilie bestätigt.

Schlimm sei für Benedikt vor allem das mangelnde Verständnis gewesen, erinnert er sich. Ihm sei Vergebung gepredigt worden und er wurde besänftigt, aber auf ihn eingegangen sei niemand. Ein von der Kirche gestellter Therapeut zitierte Bibelstellen für ihn. Von Seiten der Kirche ging niemand auf ihn ein, die Ereignisse wurden einfach abgehakt.

Ein Skandal hinter Kirchenmauern
2007 in Riekofen, Landkreis Regensburg. Ein Pfarrer wird fest genommen. Er verging sich zahlreich sexuell an Ministranten. Es ist derselbe Pfarrer, der Benedikt missbrauchte. Als die Familie Treimer davon erfuhr, war sie fassungslos. Der Pfarrer war vom zuständigen Bischof Müller schon während der Bewährungszeit bedenkenlos wieder eingesetzt worden – wieder mit Jugendlichen, wieder mit Ministranten.

Dieses Verhalten kann nicht bloß als Fahrlässigkeit und Nachsichtigkeit angesehen worden, sondern verstößt klar gegen die 2002 erlassenen Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz. „Es werden Dinge auf dem Papier festgehalten, die in der Praxis nicht eingehalten werden“, kritisiert Treimer, „das sei typisch“. Zu einer angekündigten Pressekonferenz erschien der Bischof gar nicht erst. Er drückte nur sein Mitgefühl mit den Opfern aus, zitierte Passagen aus der Bibel. Familie Treimer versuchte mithilfe der Presse auf diesen Skandal aufmerksam zu machen. Doch der Bischof war sich seiner Schuld nicht bewusst.

Die Kirche vertuscht Vieles
Diese „Vertuscher-Mentalität“ der Kirche ist es, das Benedikt am meisten aufregt. „Es gibt keine Einsicht“, klagt Benedikt, niemand sei schuld, niemand werde zur Verantwortung gezogen. Nur er solle „vergeben“. Benedikt ist mittlerweile aus der Kirche ausgetreten, genau wie seine Eltern, die früher in der  Kirchengemeinde engagiert waren. „Mit der Institution Kirche will ich gar nichts mehr am Hut haben“, meint er.

Dem  Hirtenbrief des Papstes steht er ebenso skeptisch gegenüber. Die Kirche bedauere nach außen hin, aber intern ändere sich gar nichts. Bedauern sei eine nette Geste, aber: „Durch Entschuldigungen auf dem Papier ändert sich nichts“, so der heute. Benedikt ist davon überzeugt, dass externe Kontrollpersonen her müssen, Fachkräfte wie Pädagogen, die das Verhalten der Pfarrer in der Kinder- und Jugendarbeit überprüfen.

„Die Institution Kirche darf sich nicht alles erlauben“, meint er, und so habe es derweil noch den Anschein. „Die Kirchenleute leben in ihrer eigenen Welt“, findet der Student. Sie seien zu weltfremd, um die Siuation objektiv zu beurteilen und zu kontrollieren. „Meiner Meinung nach hat die Kirche nichts gelernt“, meint Treimer. Er bezweifle, dass sich jemals etwas an der Mentalität der Kirchenoberen ändern werde.

Heute ist Benedikt 23 Jahre alt. Er studiert in Österreich Musik und lebt dort als durchschnittlicher Student. Vergessen wird er wohl nie, was ihm angetan wurde. Noch heute nimmt ihn die Erinnerung an die Ereignisse von damals mit, gerade durch den aktuellen Fokus der Medien. Er plant noch eine Therapie zu besuchen, denn alles verarbeitet hat er noch lange nicht.

(Text: Julia Radgen / Foto: Bastian Stoermus by jugendfotos.de)

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Über den Autor

Julia Radgen
Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten über Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-süchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fährt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

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