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Die Flucht aus der Realität

Kommentar zum Festzelt-Dasein

Festzelt, Live-Musik, Bier und jede Menge gute Stimmung. Das macht Volksfeste aus – und ganz besonders das Oktoberfest in München. Doch was ist das Besondere daran? Wieso brauchen wir diese eigene kleine Welt des Bierzeltes überhaupt?

Alkoholleichen, Volltrunkene und Schlägereien – das sind die negativen Seiten von Volksfesten und Bierzelten. Sie gehören wohl oder übel auch in diesem Jahr wieder zum Oktoberfest in München. Doch warum das ganze Theater, warum das viele Bier? Wieso brauchen wir die weiße Zeltplane und den Bierkrug in der Hand, um uns wohl zu fühlen? Oder tun wir das überhaupt?
Zum Oktoberfest drängeln sich Tausende schwitzende und nach Alkohol muffende Menschen durch die Tischreihen. Trotzdem lassen die ausgelassene Stimmung und die vielen lachenden, singenden Geschöpfe vermuten, dass es eine Art Paradies sein muss. Irgendetwas Besonderes muss es auch geben, schließlich gibt es inzwischen weltweit Adaptionen des Oktoberfestes.

In Wahrheit zählen diese negativen Nebenwirkungen absolut nicht. Zumindest nicht, wenn man einer von den Mitfeiernden auf dem Oktoberfest ist. Darum scheint es ja zu gehen: dazu gehören. Man will einer von ihnen sein. Einer von denen, die Spaß haben, keine Probleme und in größter Feierlaune sind.

Warum aber ist dafür ein Volksfest notwendig? Es bietet ganz einfach eine perfekte Fluchtmöglichkeit aus der realen Welt. Auf diese Weise können wir sämtliche Probleme und Streitigkeiten mit dem Gang in das Festzelt abstreifen. Ein Entkommen, das gesellschaftlich anerkannt ist oder zumindest geduldet wird.

Für Viele ist es sicherlich eine Art Ventil. Dabei ist es im Grunde auch völlig egal, welche Musik gespielt wird. Es geht vielmehr um das ausgelassene Mitträllern und -jodeln – um das Rausschreien von allem Aufgestauten. Der knappe Zelt-Sauerstoff wird aufgesaugt und alles Belastende über die Stimmbänder von der Seele geschrien.

Schade nur, wenn man es übertreibt. Wenn man zu viel Alkohol trinkt. Wenn man am nächsten Tag gar keine Erinnerungen mehr hat. Damit sind sämtliche befreiende Empfindungen des Bierzelt-Daseins wieder vergessen. Eine einzige Momentaufnahme, die sich schon beim  Verlassen des Festgeländes wieder im Dunst der rauchigen Abendluft auflöst.

Eine Lösung für die Probleme des Alltags ist das nicht – klar. Aber oft eine der wenigen Möglichkeiten, sich Luft zu machen und abzuschalten. Warum dafür der Alkohol notwendig ist? Wohl alleine deshalb, weil er das Hirn in gewisser Weise befreit. Er verdrängt manche Belastungen und löst Hemmschwellen.

Der Großteil der vielen Betrunkenen oder Angetrunkenen ist also keine Auswirkung einer angeblichen Sauf-Generation. Es sind keine depressiven Menschen, die sich nur noch im Angesicht des Alkohols wohl fühlen. Viele der schicken Dirndl-Mädels und Lederhosen-Träger suchen schlicht einen Ort und einen Grund zum Feiern.

Es muss ja nicht immer im großen Suff ausarten. Einen Bierkrug auf dem Tisch, ein frisch gebratenes Hendl zwischen den Zähnen und fröhlich auf den Bänken tanzen. Ein Kosmos, der natürlich eine gewisse Flucht aus der Realität ist, aber es ist doch auch unglaublich befreiend. Im Arm mit Freunden und Fremden schunkelnd und einfach den Moment leben. Einen Moment, in dem sich niemand darum kümmert, was die anderen denken, was die anderen von einem halten. Alles was zählt, ist die Festmusik zum Mitsingen und die richtige spontane Bewegung dazu.

(Text und Foto: Konrad Welzel)
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Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

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