Du bist hier: Home » Gesellschaft » Die fehlende Europäische Identität

Die fehlende Europäische Identität

Bin ich Europäer oder Deutscher?

Die Europäische Union befindet sich in einer Identitätskrise. 27 Mitgliedstaaten – 27 nationale Besonderheiten und finanzschwache Länder, die der gemeinsamen Währung schaden. „Europa braucht eine Seele“, sagte einst Jacques Delors, der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission. Deshalb hat sich back view auf die Suche nach der einen Europäischen Identität begeben.

europa„Wir brauchen den Euro für ein gemeinsames und starkes Europa“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in den vergangenen Tagen immer wieder. Während Kritiker das finanzschwache Griechenland einfach aus der Währungsunion werfen wollten, setzte Merkel auf die Rettung und eine Stabilisierung des Euros zusammen mit den Griechen. Es gibt also zumindest in manchen Köpfen eine Art  „Wir-Gefühl“. In der aktuellen Diskussion um die gemeinsame Währung kam jedoch auch die Frage nach einer gemeinsamen Europäischen Identität auf den medialen Diskussionstisch.

Gerade die Besonderheiten der Europäischen Union machen es so wertvoll, für eine gemeinsame Identität zu kämpfen und diese zu festigen: friedliche Integration, Freiheit, Frieden, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Menschenwürde. Durch die Wahrung und Verteidigung der Menschenrechte trägt die Gemeinschaft eine besondere Verantwortung, globale Probleme zu lösen. Mit der europäischen Einigung hat sich die Jahrhunderte alte Idee von Frieden und Verständigung verwirklicht.

Schon die Anfänge der Union zielten auf mehr als nur wirtschaftliche Überlegungen ab. 1951 wurde im Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zwischen den sechs Gründungsstaaten festgeschrieben, dass sie „durch die Errichtung einer wirtschaftlichen Gemeinschaft den ersten Grundstein für eine weitere vertiefte Gemeinschaft unter Völkern“ legen wollen. Es war ein Weg der freiwilligen, friedlichen Einigung eines lange bekriegten Europas.

Aber was meint man eigentlich, wenn man von einer Identität spricht? Was ist ihr Ziel, wie weit reicht sie? Generell geht es bei einer Identität um die Summe von Merkmalen, die eine gesellschaftliche Gruppierung von anderen unterscheidet – um gemeinsame Wurzeln und zumindest ähnliche kulturelle Vorstellungen. Es braucht ein Gefühl der Zugehörigkeit. Im Vordergrund steht in der Regel aber die nationale Identität und Kultur. Rund 41 Prozent der Europäer fürchten sogar, ihre regionale durch eine europäische Identität verlieren zu können. Demgegenüber stehen allerdings 59 Prozent der Unionsbürger, die sich zumindest in Teilen auch europäisch fühlen.

Für die Ursprünge Europas gibt es mehrere Ansätze, die für eine gemeinsame Identität sprechen: die christlich-abendländische Kultur, gemeinsame Wertvorstellungen, der gemeinsame wirtschaftliche Raum, die geographischen Grenzen sowie die über Jahrzehnte hinweg entwickelte gemeinsame Rechtsordnung Europas. Was in den Köpfen der Europäer jedoch meist fehlt, ist ein gewisser Stolz auf die herangewachsene Union.

Die junge, europäische Generation
Die österreichischen Demographen  Wolfgang Lutz und Vegard Skirbekk gehen davon aus, dass der fehlende Europa-Gedanke durch die jüngeren Generationen automatisch stärker in den Köpfen verankert wird. Schon in jungen Jahren wachsen Jugendliche heute mit einer gleichermaßen nationalen und einer europäischen Identität auf. Die Europäische Union ist vergleichsweise frisch und ist mittlerweile Thema in vielen nationalen Medien und Politikfeldern. Alleine dadurch wächst ein europäischer Gedanke in allen Mitgliedstaaten heran, so die Demographen.

Auch Urlaub, Einheitswährung und Studienplätze in ganz Europa tragen ihren Teil dazu bei. Lutz und Skirbekk halten diese Tendenz für äußerst realistisch und rechnen damit, dass die Legitimität sowie die Akzeptanz der EU durch dieses allmählich wachsende Identitätsgefühl zunehmen werden. Auch, wenn die Politikverdrossenheit gegenüber Brüssel gerade in Deutschland vergleichsweise hoch ist.

Die Politiker Europas selbst scheinen sich dieser Aufgabe durchaus bewusst zu sein – zumindest in der Verfassung. So ist die Beziehung zwischen der Union und den Mitgliedstaaten in Artikel I-5 näher beschrieben: „Die Union achtet die Gleichheit der Mitgliedstaaten vor der Verfassung sowie die nationale Identität der Mitgliedstaaten“ und weiter heißt es „Sie achtet die grundlegenden Funktionen des Staates, insbesondere die Wahrung der territorialen Unversehrtheit, die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und den Schutz der nationalen Sicherheit.“

In Artikel I-8 wird andererseits speziell von europäischen Symbolen gesprochen, mit denen eine gemeinsame europäische Identität gefördert werden soll. Dazu gehört die Flagge, die Hymne, der Leitspruch der Union „In Vielfalt geeint“, ein gemeinsamer Europatag, der am 9. Mai gefeiert wird, und mit dem Euro eine gemeinsame Währung.

Vor allem zur Europawahl stehen immer wieder das Demokratiedefizit und die mangelnde Unterstützung der Europäischen Union in der Bevölkerung zur Debatte. Dabei kann ein viel grundlegenderes Problem für Abhilfe sorgen: Der Gedanke eines gemeinsamen, friedlichen Kontinents und die Identifikation mit diesem Kontinent- also die Schaffung und Förderung einer wirklichen Europäischen Identität.

(Text: Konrad Welzel / Foto: Gloria van Doorn by jugendfotos.de)
Download PDF  Artikel drucken (PDF)

Schreibe einen neuen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

Anzahl der Artikel : 158

© back view e.V., 2007 - 2017

Scrolle zum Anfang