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„Die Aktivisten übernachten auf Bänken oder angrenzenden Grünflächen“

Interview mit Occupy-Münster

mnster teaserback view sprach mit Susanne Böcker, einer Aktivistin in einer der letzten Occupy-Camps in Münster. Die 51-jährige Förderlehrerin und Bürokraft ist seit dem 11. November 2011 Mitglied der Bewegung und erzählt über ihre persönlichen Erfahrungen mit Occupy.


back view: In Münster äußern sich Geschäftsleute nun öffentlich gegen euch und fordern die Räumung des Servatiiplatz mit der Begründung „um eine weitere Verschlechterung der Standortqualität“ zu verhindern. Verschandelt ihr das Stadtbild so sehr – oder ist die Kritik übertrieben?
Susanne Böcker: Die öffentlichen Äußerungen sind nicht neu. Allerdings strotzen diese Meinungen vor Vorurteilen und sinnfreien Aussagen. Die unsachlichen Argumente dienen nur der Meinungsmache gegen das Camp. Die Arbeit im Camp bzw. mittlerweile ja unter freiem Himmel auf dem Servatiiplatz ist eine spannende. Der Zuspruch der Bevölkerung ist nach wie vor groß. Die meisten meinen, dass der Servatiiplatz richtig aufgeblüht ist z.B. durch die Wunschaktion aus in den Bäumen aufgehängten Zeltplanenabschnitten mit individuellen Wünschen oder auch die botanischen Ergänzungen durch Blumen und Gemüse.

In Frankfurt wurde das Occupy-Camp vor zwei Wochen geräumt und der öffentliche Druck gegen euch – gegen die  gesamte Bewegung – wächst. Wie sieht die Zukunft eurer Protestaktion aus?
Wir sind in reger Kommunikation mit der Stadt, die unsere Informationsarbeit durchaus zu schätzen weiß. Das Angebot der Stadt Münster liegt vor, innenstadtnah einen Platz einem Demokratieforum zu widmen, der dann auch entsprechend gekennzeichnet wird und allen Interessierten für eine offene demokratische Diskussion zur Verfügung stehen soll. Entscheidungen hierzu werden wohl in den nächsten sechs Wochen getroffen. Nebenbei bemerkt, ist Occupy Frankfurt keinesfalls verschwunden. Sie machen wie wir unter freiem Himmel weiter, mit einer ständigen Mahnwache und regelmäßigen Asambleas.

Dennoch ebbt die Bewegung in den letzten Wochen deutlich ab – wie entwickelte sich die Campgröße bei euch in Münster?
Es gibt eine Kerngruppe von mehr als 20 Aktivisten und Aktivistinnen, die von Anfang an dabei sind. Da gerade die Arbeit vor Ort 24 Stunden am Tag sehr anstrengend und kraftraubend ist, wechseln diejenigen, die den Campalltag bewältigen, regelmäßig. Selbst nach mehr als neun Monaten, kommen immer wieder Menschen vorbei, die noch nichts von uns gehört haben. Es kommen immer wieder neue Interessierte hinzu.
Die Bewegung ebbt nicht ab, sondern die Berichterstattung über Occupy wird noch einseitiger und schrittweise reduziert. So hat z.B. nur ein Printmedium überhaupt über den „Westfälischen Okkupierer“ berichtet, obwohl die ersten 2.000 Exemplare im März auf der Leipziger Buchmesse verteilt wurden.

Zum Westfälischen Okkupierer, eurer Printzeitung: Die Bewegung in Münster hat als einzige Occupy-Gruppe in Deutschland eine eigene Zeitung herausgebracht – habt ihr euch  davon mehr Erfolg versprochen, oder warum gab es nur eine einzige Ausgabe im März?
In unserer Wunschvorstellung erscheint alle drei Monate der ‚Westfälische Okkupierer‘. Doch die finanziellen Engpässe und die Sommerpause haben den nächsten Erscheinungstermin in den September verschoben. Das Angebot an Themen und Artikeln ist groß. Gerade komme ich von der Redaktionssitzung. Wir haben z.B. ein fast 30-minütiges Interview mit Stéphane Hessel, einen Artikel über den Nahost-Konflikt, mit Fokus auf die Rolle Israels, aber auch lokale Themen wie ein Bürgerhaushalt in Münster oder das Vorstellen von Initiativen, die nicht so bekannt sind.
Und wenn du ansprichst, dass wir mehr Erfolg erwarteten, kann ich aus meiner Sicht nur sagen: Wir sind damit sehr erfolgreich, es sind fast 25.000 Exemplare kostenlos verteilt worden. Du findest sie im Goethe-Institut von Montevideo genauso wie in Athen oder Melbourne, gerade sind einige Exemplare auf Kuba angekommen. Auch London erfreut sich dieser Lektüre.

mnster text 1Ihr habt aber offiziell kein „richtiges“ Camp mehr, oder?
Nach wochenlangen Diskussionen hat sich Occupy Münster Mitte Mai dazu bereit erklärt, das große Zelt abzubauen. Die Stadt hat sicherlich vermutet, dass dann das Camp ganz verschwinden wird. Jedoch ist uns die Arbeit vor Ort so wichtig, dass wir gar nicht daran gedacht haben, das Feld zu räumen. Wir besetzen momentan sogar mehr Platz als das Zelt von 6×6 m eingenommen hat.
Das ging wochenlang gut, bis die Stadt uns weitere Konzessionen abforderte. Der Kocher um z.B. Wasser für Kaffee zu erhitzen und die kleine improvisierte Kochecke mussten verschwinden. Die Bierbänke und -tische mussten reduziert werden, unser schönes Occupy-Platz-Schild abgeschraubt, der Umsonst-Tisch musste verschwinden.

Doch Einschränkung hin oder her, der Platz ist ununterbrochen seit dem 11. November letzten Jahres rund um die Uhr besetzt. Bei den hohen Temperaturen ist die Nachtwache wohl erträglich, allerdings habe ich selbst seit Zeltabbau keine Nacht mehr dort verbracht.
Aus meiner Sicht ist es eine Zumutung, dass wir ohne uns schützen zu können, am Platz bleiben müssen. Die Aktivisten übernachten auf Bänken oder angrenzenden Grünflächen, aber es gibt möglichst immer jemand, der wach ist. Manche schlafen auch erst am Tag.

Zehn Monate sind seit dem Startschuss der Bewegung in Münster vergangenen. Welche konkreten Dinge habt ihr bisher erreicht, welche Erfolge verbucht ihr für euch?
Wir haben eine Printzeitung mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren herausgegeben, die zweite Ausgabe steht kurz vor dem Druck. Grund des Aufschubs waren in erster Linie finanzielle Aspekte.
Im letzten Semester hatten wir eine ‚kritische Vorlesungsreihe‘ ‚Empört Euch – Engagiert Euch!‘ an der WWU Münster. Immer dienstags gab es einen Vortrag mit anschließender Diskussion an der Uni. Die Vorlesungsreihe im nächsten Semester ist in Vorbereitung.
Es gibt eine Aktion ‚ab in die Mitte‘, die sich leider immer noch in der Planung befindet. Hier geht es darum, ins Umland zu fahren und Vorträge über Occupy oder deren Themen zu halten. Gerade haben wir eine Flashmob-AG gegründet, die mit einer ersten Aktion am Samstag in der Münsteraner Innenstadt startete. Wir haben an verschiedenen Orten einzelne Artikel des Grundgesetzes laut vorgelesen – mit den unterschiedlichsten Reaktionen: Anfeindungen, Aufforderung, damit aufzuhören, aber auch Zuspruch und Erstaunen.

mnster text2Dennoch ist der Großteil der Ziele doch weiterhin nicht erreicht? Was muss passieren, damit ihr zufrieden das Occupy-Camp auflösen könnt?
Alle Ziele sind natürlich noch offen, was für eine Frage! Erst, wenn alle Menschen auf der Welt sorglos und ohne Angst vor Gewalt leben können, sind wir am Ziel. In meiner Vorstellung, wird sich das Camp immer weiter ausbreiten. Idealerweise versteht sich irgendwann die ganze Welt als ein Ort, der von allen Menschen zum demokratischen Miteinander genutzt werden kann. Quasi – die ganze Welt als EIN Camp.

Gerne werdet ihr abgetan als „die Camper, die vor ihren eigenen Problemen im Leben flüchten wollen“ – wie stellt ihr euch diesem Vorwurf?
Diesen Vorwurf kenne ich selbst in dieser Form nicht. Aber häufig begegnet mir das Vorurteil, dass wir gar nicht am gesellschaftlichen Leben partizipieren – also nicht arbeiten oder studieren – nicht kulturell interessiert sind. Allerdings sind nahezu alle Aktiven berufstätig oder in der Ausbildung. Auch sind die meisten sozial oder politisch engagiert. Natürlich kann so ein Camp als Einladung an Wohnungs- und Erwerbslose betrachtet werden, viel Zeit vor Ort zu verbringen. Sie tragen einen großen Teil des Campalltags. Das verzerrt in der Öffentlichkeit das Bild, das wir als Occupy-Gruppe von uns selbst haben; dabei geht es lediglich um – ehrenamtliche – Arbeitsteilung, damit alle ihren jeweiligen Lebensumständen gerecht werden können.“

Was ist dein ganz persönlicher Antrieb, deine Kraft und dein Engagement nach wie vor in die Bewegung zu stecken?
Ich werde mich nicht von unseren Aktionen abhalten lassen, nur weil einige Medien Occupy gerne als schwindende Bewegung bezeichnen. Selbst, wenn Occupy Münster, die letzte Occupy-Gruppe auf der Welt sein sollte, – was natürlich nicht so sein wird, wie die mehr als 2.000 weltweiten Gruppen eindrucksvoll beweisen – werde ich mich aktiv beteiligen.

Vielen Dank für das offene Gespräch, Susanne Böcker.

Weitere Informationen zu Occupy Münster

(Interview: Konrad Welzel / Fotos by Occupy Münster)
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Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

Anzahl der Artikel : 158

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