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Der verärgerte Verbündete

Warum China die Freundschaftsbrücke zu Nordkorea nicht aufgeben will

Große Töne spucken, aber nichts dahinter? China wird durch die Spielchen Nordkoreas langsam ungeduldig. Ein Bruch mit Pjöngjang scheint mehr als angebracht. Doch China hat gute Gründe, die es von einer Trennung von Nordkorea abhalten.

Die ganze Welt schaut gerade mit einem besorgten oder auch mit einem belächelnden Blick auf die Halbinsel in Ostasien. Im Fokus steht aber nicht nur Nordkorea mit seinem Personenkult um Kim Jong Un, sondern auch der einzige Staat, der sich noch immer an die Seite Nordkoreas stellt: Die Volksrepublik China.

Warum unterstützt Peking noch immer das verarmte Land unter katastrophaler Führung? Woher kommt die enge Freundschaft? Und warum nutzt China die Abhängigkeit des kommunistischen Landes nicht aus, um Kim Jong Un schärfer Einhalt zu gebieten?

Der Sozialismus als einendes Element
Die Freundschaft zwischen Nordkorea und China geht mehrere Jahrhunderte zurück. Ein Meilenstein der Verbündung wurde während des Zweiten Weltkriegs gelegt. Die sowjetischen Truppen besetzten den Norden des ursprünglich vereinten Koreas und errichteten ein kommunistisches System unter Stalin.

Damit war das gemeinsame sozialistische Erbe geschaffen. Während sich China daraufhin jedoch wirtschaftlich öffnete, blieb die Brücke über die gemeinsame Ideologie und vor allem über den gemeinsamen Feind USA bestehen. Gefestigt wurde dieses Band im Koreakrieg. 1951 kamen 400.000 chinesische Soldaten den nordkoreanischen Streitkräften zu Hilfe gegen UN- und US-amerikanische Truppen. Seitdem stärkt Peking seinem kleinen Bruder den Rücken.

Die Pläne des neuen Machthabers gefallen China jedoch gar nicht. Nordkorea bezieht China nicht mehr in seine Vorhaben ein und hält sich erst recht nicht an dessen Ratschläge. Diese Alleingänge verärgern Peking, woraufhin die chinesische Regierung scharfe Töne fallen ließ. Dem ganzen Theater ein Ende zu bereiten, wäre für die Chinesen ein Leichtes. Wenn sie wollten, könnten sie den Nordkoreanern den Energiehahn abdrehen und im Nu würde es im erhitzten Norden kalt werden.

Dreierlei Interessen halten das Bündnis aufrecht
Doch das macht die Volksrepublik nicht. Denn China profitiert auch heute noch von der Beziehung zu Nordkorea. Und das gleich aus drei Gründen: Hintergrund sind wirtschaftliche, strategische und ideologische Interessen.

Nordkorea ist ein potenziell reiches Land. Würde es nicht durch die eigene Regierung wirtschaftlich in den Ruin getrieben werden, könnte es einige Kapazitäten nutzen. Das weiß China. Nordkoreas Wirtschaft hängt fast komplett von China ab und die Volksrepublik besitzt dort mehrere Konzessionen und Schürfrechte. Wie die Süddeutsche berichtete, liefert China 90 Prozent der Ölvorräte, 80 Prozent der Konsumgüter und fast 50 Prozent der Nahrungsmittel an den verarmten Nachbarn.

Der Alleinversorger Nordkoreas hat jedoch noch ein ganz anderes Interesse. Die Volksrepublik könnte theoretisch einen Verlust der Exporte nach Nordkorea verkraften. Ganz anders sieht es da mit dem südkoreanischen Handel aus. Und hier kommt eine raffinierte Strategie ins Spiel. Nordkorea soll, wenn es nach Peking geht, die Distanz zu Südkorea wahren. Denn eine Wiedervereinigung kostet Geld und dieses Geld würde in Südkorea dann für chinesische Importe fehlen.

Nach Schätzungen müsste sich Südkorea mit mindestens 1,2 Billionen Dollar verschulden, um das wirtschaftlich ruinierte Land im Falle einer Wiedervereinigung aufzupäppeln. Eine politische und wirtschaftliche Öffnung Nordkoreas würde China im Extremfall also nicht zu Gute kommen.

Auch militärstrategisch bringt die Isolation Nordkoreas einige Vorteile. Nordkorea dient als Pufferstaat für China gegen Südkorea und die USA. Würde es seine Stellung aufgeben und eine Wiedervereinigung mit Südkorea in Erwägung ziehen, hätte China als Konsequenz die amerikanischen Truppen vor der Haustüre. Über 28.000 US-Soldaten sind zur Zeit im Süden stationiert.

Das Bündnis bröckelt immer mehr
Natürlich gibt es genauso gute Gründe, die China zu einem Bruch mit Nordkorea bewegen sollten. Dass das Land als Atommacht aufsteigen wird, scheint weniger dramatisch zu sein. Gravierender ist dagegen die Tatsache, dass dies zu einem Aufrüsten Südkoreas und Japans führen könnte – was Peking gar nicht gefallen dürfte.

Natürlich könnten die Chinesen auch von einer engeren Zusammenarbeit mit den USA profitieren und stattdessen den am Rockzipfel hängenden Verbündeten loswerden. Auch die Angst vor Flüchtlingsströmen im Falle eines Krieges macht sich in Peking breit. Daher wird die Kritik an Kim Jong Un aus den chinesischen Reihen immer lauter. Die Frage ist, ob es bei leeren Worten bleibt oder, ob China tatsächlich einen Bruch mit Nordkorea erwägen wird.

(Text: Julia Jung)

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Über den Autor

Julia Jung
Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin English

Hauptberuflich ist Julia Weltenbummlerin, nebenberuflich studiert sie Politik. Wenn sie nicht gerade durch Australien, Neuseeland, Südafrika oder Hongkong reist, schreibt sie ein paar Zeilen für back view und das schon seit 2009.

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