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Der soziale Vergleich und das furchtbar schlechte TV-Programm

Eine sozialpsychologische Spurensuche

Ist das Fernsehen ein Abbild der Realität? Erkennen die TV-Zuschauer in Sendungen wie den zahlreichen Realityshows wahre Geschehnisse und Verhaltensweisen? Der gemeine Konsument neigt auf jeden Fall dazu, die scripted reality zur “Selbstaufwertung” zu verwenden. Aber wie funktioniert das?

Spätestens seit den 1970er Jahren, als der Fernseher als absolutes Massenmedium immer beliebter und meinungsbildender wurde, bildet das TV-Programm auch reale Zusammenhänge und Ereignisse ab. Früher wurde in der Lindenstraße der Mauerfall aufgegriffen, heute wollen uns TV-Demagogen weismachen, dass die scripted reality der Nachmittagsshows die Wirklichkeit abbildet. Und der Zuschauer springt darauf gerne an – aber wieso?

Leon Festinger setzte mit seinem Titel „A Theory of Social Comparison Processes” 1954 die Grundlagen für die Theorie des sozialen Vergleichs. Der Sozialpsychologe sah die Grundlage darin, dass die Menschen ein Bedürfnis haben, ein realistisches Bild der Welt zu entwerfen, einschließlich des eigenen Ichs. Der soziale Vergleich kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn ein objektiver Maßstab fehlt.

Selbstwertgefühl steigern
Daraus leitet sich der Begriff des abwärts gerichteten Vergleichs ab, der vor allem dann greift, wenn sich das Individuum mit Menschen misst, denen es schlechter oder ähnlich schlecht geht wie einem selbst. Durch diesen abwärts gerichteten Vergleich soll das Selbstwertgefühl gesteigert werden.

Und hier greift die moderne Verknüpfung zum aktuellen Fernsehprogramm. Wer sich die polarisierenden Realityshows, die sich wie ein roter Faden durch den Boulevard-TV ziehen, anschaut, der neigt zu einem solchen abwärts gerichteten Vergleich. Menschen mit ähnlichem sozioökonomischem Background versuchen zu erkennen, dass das eigene Leben doch nicht so schlimm ist.

Schein der Realität
Medienpsychologe Frank Schwab hatte schon 2011 von einer Abgrenzung nach unten gesprochen. Im Klartext: So mies wie den Akteuren im TV gehe es einem selbst immerhin nicht. So erfüllen die scheinbaren Verblödungsserien dann doch durch den Schein der Realität einen gesellschaftlichen Zweck. Es bleibt nur fragwürdig, inwiefern diese Shows moralisch vertretbar sind.

Braucht eine angeblich liberale und fortschrittliche Gesellschaft ein solch stupides Fernsehprogramm, um sich über die Unterschicht hinwegzusetzen bzw. sich mit dieser zu messen? Es ist im Rahmen des sozialen Vergleichsprozesses auch die Faszination an Personen, die sich derart dämlich und asozial verhalten, dass es fast peinlich wird.

Keine Empathie für die Akteure
Peinlich – das ist in Attribut, das im sozialen Vergleich von Wichtigkeit ist. Wer sich nämlich fremdschämt, der wendet den sozialen Vergleich nicht an. Schwab meinte dazu, dass derjenige, der sich fremdschämt, abschaltet. Vor dem TV verharren nur diejenigen, die „in der Regel auch keinerlei Empathie für die Akteure empfinden. Damit könnten sie die Sendung auch nicht genießen”.

Niklas Luhmann, seines Zeichens Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, sagte einst: „Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien”. Wenn die Realityshows mit den ewig gleichen limitierten Protagonisten zum Hauptakteur der Massenmedien werden, dann ist es in Zukunft wohl schlecht um unsere Gesellschaft bestellt.Dann würde eine massive Verblödungssystematik greifen, die in Ansätzen leider schon zu erkennen ist. Dabei sollten Massenmedien wie das Fernsehen eine höhere Aufgabe erfüllen, als lediglich der unteren Schicht den Spiegel vorzuhalten.

(Text: Jerome Kirschbaum)

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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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