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„Der Schotte an sich hat kein Problem mit seiner Identität“

Die Grundlagen für das Referendum in Schottland

Am 18. September ist es endlich soweit: Die Schotten stimmen über ihre Eigenständigkeit und somit ihre Unabhängigkeit vom restlichen Vereinten Königreich ab. Und obwohl das Thema erst seit wenigen Wochen eine wirkliche Präsenz in unseren Medien hat, beschäftigt es die Bewohner Großbritanniens schon seit Jahren.

Viele Fragen kursieren um die Unabhängigkeit Schottlands. Fragen, die sich jeder einzelne von ihnen in den letzten anderthalb Jahren seit Bekanntwerden des Abstimmungstermins zig Mal gestellt hat: Was bedeutet eine Abspaltung für mich und meine Familie? Kann Schottland es überhaupt ohne England schaffen? Was bedeutet es für die Wirtschaft, die Währung, die schottische Identität? Auf viele dieser Fragen hat das schottische Parlament inzwischen auf einer eigens eingerichteten Seite zum Referendum eine Antwort gefunden.

Doch die Unsicherheit bleibt und mit ihr auch die Unvorhersehbarkeit des Ergebnisses. Umfragen zufolge, die vor wenigen Tagen an die Öffentlichkeit drangen, äußerten sich erstmals mehr Menschen für eine Unabhängigkeit als dagegen. Im vergangenen Herbst waren es nur rund 30 Prozent gewesen, die sich für eine Unabhängigkeit ausgesprochen hatten.

Schottland Referendum UnabhängigkeitUrsache für das Referendum

Doch woher kommen diese Unabhängigkeitsbestrebungen und warum gerade jetzt? Schottland gehört schon seit dem „Act of Union“ 1707 zu England. Wenn man als Ausgangspunkt die Personalunion, also der Vereinigung der Königshäuser unter James VI. von Schottland, nimmt, sogar noch einmal hundert Jahre länger. Welche Umstände sorgen dafür, dass man jetzt eine Unabhängigkeit anstrebt? Unabhängigkeitsbestrebungen lassen sich in den letzten Jahrzehnten überall in Europa beobachten. Gegenwärtig aktuell sind neben Schottland sicherlich jene auf der Krim und in Katalonien; doch auch im Baskenland und in Flandern sind Abspaltungstendenzen deutlich zu erkennen.

Rolle der Europäischen Union

Natürlich lassen sich nicht alle diese Unabhängigkeitsbewegungen über einen Kamm scheren, doch es zeichnet sich ein Gegentrend zu den Einheitsbestrebungen der Europäischen Union ab. Es geht jedoch nicht um die Unabhängigkeit von der EU – im Falle einer Unabhängigkeit Schottlands wird eine Mitgliedschaft sogar explizit angestrebt – es handelt sich vielmehr um eine Unabhängigkeit alter Nationalbündnisse. Jede dieser Regionen hat sich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg ihre eigene kulturelle Identität in Sprache und Tradition bewahrt. Sie sind nicht komplett in einem Nationalstaat aufgegangen, haben mehr oder weniger bewusst die komplette Assimilation vermieden, um das eigene kulturelle Erbe zu erhalten.

Es scheint, als würde sich nun in den Unabhängigkeitsbestrebungen diese Identität auch auf politischer Ebene manifestieren. Ob es sich dabei um ein nationalistisches Phänomen als Konterbewegung zu den momentanen politischen Entwicklungen auf EU-Ebene handelt oder doch um Separationsbestrebungen von längst überholten nationalen Bündnissen, ist Untersuchungsgegenstand vieler Politik- und Geschichtswissenschaftler. Eine allumfassende Antwort darauf gibt es nicht.

Der Weg zum Referendum

Der Grundstein für das morgige Unabhängigkeitsreferendum wurde bereits Ende der 1970er Jahre im Rahmen eines Referendums für die Übertragung von staatlichen Rechten (Devolution) gelegt. Trotz knapper Mehrheit kam es damals allerdings nicht zur Errichtung eines schottischen Parlaments. Eine Teileigenständigkeit erlangte Schottland in einem zweiten Devolutionsreferendum, das 1998, genau 301 Jahr nach der Auflösung des alten Parlaments in Edinburgh, zu einer Neugründung des schottischen Parlaments führte. Zum ersten Mal tagte es im Jahr 1999. Ein Referendum zur vollständigen politischen Unabhängigkeit wurde jedoch erst mit dem Regierungsantritt der SNP (Scottish National Party) denkbar. Nachdem erste Bestrebungen in diese Richtung scheiterten, war sie jedoch ab 2012 federführend in der Vorbereitung eines solchen Referendums.

 

Längst ist sie nicht mehr die einzige Partei, die eine Unabhängigkeit befürwortet; jedoch gibt es auch genug Parteien, darunter die Labour Party, die sich gegen eine Unabhängigkeit aussprechen. Das Unabhängigkeitsreferendum markiert also nicht nur eine eventuelle Zäsur in der Geschichte der britischen Inseln, es markiert auch einen sich etablierenden Prozess, in dem die Nationalstaatlichkeit nicht mehr zwangsläufig ein von oben auferlegtes Konzept sein muss – sondern wo jeder einzelner Bürger eine Stimme über nationale Zugehörigkeit besitzt.

Und vielleicht ist dies auch die eigentliche Errungenschaft der Unabhängigkeitsbestrebungen des 21. Jahrhunderts. Denn zumindest für Schottland gilt: Der Schotte an sich hat kein Problem mit seiner Identität. Und keiner, der schon einmal das Vergnügen hatte, sich in Schottland aufzuhalten, käme jemals auf die Idee, an Schottlands kultureller oder nationaler Identität zu zweifeln.

(Text: Kristin Heck / Foto: PIC-ANDREW COWAN/SCOTTISH PARLIAMENT. PHOTOGRAPH(C)2005 SCOTTISH PARLIAMENTARY CORPORATE BODY.)
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Über den Autor

Kristin Heck
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