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Der Romeo und die Julia

Ein süddeutsches Phänomen auf dem Vormarsch

Schlägt man den Duden auf, steht dort, dass in der deutschen Standardsprache kein Artikel vor einem Vornamen zu stehen hat. Und trotzdem hört man in weiten Teilen Deutschlands „der Peter” oder „die Lisa”. Sowohl Artikel-Benutzer als auch die Artikel-Weglasser halten an ihrer Variante fest und ernten bei den jeweils anderen nur Unverständnis. Doch woher kommt diese Eigenart?



Für Nordlichter wie mich war es in der ersten Zeit in einem südlicheren Bundesland sehr befremdlich, dass jede Person dort mit einem Artikel vor dem Vornamen versehen wird. Im Norden hat dies einen ungewöhnlichen und teilweise sogar beleidigenden Beigeschmack. Wie etwa das verpönte mit dem Finger auf andere Leute zeigen: „Der da dort drüben!”

Von meinen süddeutschen Freunden hingegen habe ich mir sagen lassen, dass es für sie seltsam sei, würde der Artikel vor dem Namen nicht verwendet. Es käme manchmal sogar „aufgesetzt hochdeutsch” rüber. – Wie man sehen kann: Der Namensartikel spaltet die Nation! Eine wissenschaftliche Untersuchung Ende der achtziger Jahre zog diese Grenze ungefähr durch Köln, Kassel und Dresden.

Das Süd-Nord-Gefälle der Artikel
Doch dabei wird es nicht bleiben: Der Artikelgebrauch arbeitet sich langsam immer weiter nach Norden vor. Nördlich der
beschriebenen Grenze gewöhnen sich auch immer mehr Menschen „den Michael” an. Hier kommt es aber im Gegensatz zur süddeutschen Immer-Verwendung noch sehr stark auf die Situation an, in der der Sprecher sich befindet: Ist die Person, über die gesprochen wird, in Hörweite, wird wesentlich seltener der Artikel verwendet.

Am häufigsten wird aus Maria „die Maria”, wenn es sich um eine nahestehende Person handelt oder wenn Emotionen (sowohl positive als auch negative) im Spiel sind. „Der Kevin ist blöd! Der hat mich schon wieder geschlagen” wird einem in diesem Übergangsgebiet wesentlich öfter zu Ohren kommen, als „Guten Tag, ich bin die Katharina. Schön Sie kennen zu lernen.”

die frau3Aber warum breitet sich der Namensartikel immer weiter in den Norden aus? Man sollte meinen, dafür fehle die Grundlage: Bücher sind zum allergrößten Teil in der Standardsprache geschrieben und weisen keinen Vornamensartikel auf.

In der Schule wird im Deutschunterricht gelehrt, den Artikel in Aufsätzen nicht zu verschriftlichen und auch in Filmen (ob original deutsch oder synchronisiert) ist er nur selten zu hören. Hinzu kommt, dass er eigentlich grammatikalisch überflüssig ist, da das Geschlecht der Person, über die gesprochen wird, in fast allen Fällen am Namen selbst abgelesen werden kann.

Für jeden Fall einen Artikel
Aber Moment! Ist er wirklich überflüssig? Einen kleinen Unterschied macht das kleine Wörtchen schon: Er macht den Kasus – den grammatischen Fall – eines Namens deutlicher. „Wer hat dich heute morgen angerufen?” „Wem willst du das Buch schenken?” „Wen laden wir zum Grillen ein?” Die Antwort ist immer „Klaus!” verwendet man nun aber den Vornamensartikel lauten die Antworten plötzlich: „Der Klaus hat heute morgen angerufen.” „Das Buch will ich dem Klaus schenken.” und „Lass uns den Klaus zum Grillen einladen!” Früher wurden die grammatischen Fälle direkt am Namen angezeigt.

So wird einigen zum Beispiel „Marien” vielleicht noch das eine oder andere Mal in alten Büchern begegnet sein. Da solche Namensformen aber heutzutage überhaupt nicht mehr verwendet werden (der einzige Kasus, der noch eine direkte Auswirkung auf den Namen hat, ist der Genitiv. „Simons Katze” ist ein Beispiel dafür), scheint sich der Sprachwandel in die Richtung zu bewegen, dass ein anderer Weg gesucht wird, den Fall eines Namens deutlicher zu zeigen.

Dies ist eine mögliche Erklärung für die Ausbreitung des Vornamensartikels. Ob sie des Pudels Kern ist, steht jedoch (vorerst noch) auf einem anderen Blatt geschrieben. Solange bleibt uns nur das Stirnrunzeln oder vielleicht auch der Spott über die „der Peter”-Sager oder die Artikel-Verweigerer.

(Text: Jana Lück)

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