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Der Fürst der Satire

Interview mit Politiker Martin Sonneborn

Bei den einen sind seine populistischen Äußerungen umstritten, die anderen feiern ihn für seinen gnadenlosen Sarkasmus. Martin Sonneborn, Parteichef der „PARTEI“, spricht im Interview mit back view über das „Exportgut Mauer“ und ein bezahltes Studium.


back view: Werden Sie sich als Bundespräsidentkandidaten für ihre „Die PARTEI“ (Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative) aufstellen lassen – bei den momentanen Vergünstigungen?
Martin Sonneborn:
Das Problem ist, dass die PARTEI nicht in der Bundesversammlung vertreten ist, insofern bringt es leider nichts. Ich bin natürlich interessiert an diesem Amt. Man hat wenig Pflichten, einen Wohnsitz und viele schäbige Freunde, das ist natürlich reizvoll.

2012 sonnebornWenn Sie nun tatsächlich eines Tages die Macht übernehmen sollten mit der „PARTEI“, wären Sie dann befangen aufgrund Ihrer Verbindungen zum Satiremagazin „Titanic“ oder zum Spiegelredakteur Matthias Matussek? Gerade Herr Wulff gerät ja durch „alte Freunde“ in die Kritik.
Das Amt des Bundespräsidenten ist mir natürlich so viel wert, dass ich diese dubiosen Freunde sofort abschießen werde. Die können mich dann wieder siezen und für Herrn Matussek bin ich nicht mehr zu sprechen, sobald ich im Schloss Bellevue sitze. Darauf gebe ich mein Ehrenwort.

Wollen Sie denn auch die neuartige Errungenschaft der Pressefreiheit mit ins Parteiprogramm aufnehmen? Sind die Deutschen überhaupt bereit für so etwas wie Pressefreiheit?
An sich ist Pressefreiheit ja keine schlechte Sache, hat sich bewährt, ich würde sie aber einschränken. Ich bin ein großer Freund von Demokratie, weil sie eine Staatsform ist, die es uns erlaubt, die Macht zu übernehmen. Ich möchte sie allerdings hinterher ein bisschen überarbeiten, also eine reine Pressefreiheit wird es so nicht mehr geben.

Warum?
Wir haben seit Jahren kleinere Handle mit der BILD-Zeitung. Und das ist eine liebgewonnene Feindschaft, die ich weiter pflegen will und sobald wir an der Macht sind, sitzt Kai Dieckmann in einem Lager.

Wo lägen denn im Falle eines Mauerbaus Ihre Sympathien?
Früher galten meine Sympathien dem Osten, weil er ein ruiniertes Gebiet war. Mittlerweile sind die Ostländer modernisiert, sie haben die besseren Autobahnen, Telekommunikationseinrichtungen und müssen nicht die ganze Zeit arbeiten. Im Westen sieht es dagegen ganz anders aus: Es gibt westdeutsche Randgebiete, die nicht mal mehr die Solidaritätszahlungen aus Steueraufkommen bewältigen können. Insofern sind die ruinierten Gebiete nun im Westen und wir müssen unsere Sympathien auf den Westteil richten.

Der Mauerbau tangiert den Norden nun eher peripher. Gibt es ein Alternativprogramm der PARTEI für Schleswig-Holstein, vielleicht ein Mauerbau Richtung Dänemark?

Wenn Sie das haben wollen: Gern. Wir bauen jede Mauer, die gewünscht wird, die Mauer ist ein Exportgut. Es gibt in Europa viele Länder, die eine Mauer bräuchten: Belgien, über ein Jahr keine Regierungsbildung, zwei verfeindete Volksgruppen, die brauchen eine Mauer. Spanien, mit seinen Separatisten, Österreich, die Bogenländer abgrenzen. Die Schweiz braucht sogar zwei oder drei Mauern, um ihre Volksgruppen auseinander zu halten. Den Kölnern versprechen wir, eine Mauer um Düsseldorf zu ziehen, den Düsseldorfern, eine um Köln zu ziehen. Wir sind da populistisch und flexibel. Wo eine Mauer gewünscht wird, sind wir dabei.

2012 text_sonneborn„Die PARTEI“ lässt sich als Karikatur der Politik in Deutschland auffassen…
Das ist eine unglaubliche Unverschämtheit, ich bin gespannt, wie die Frage weitergeht.

Hoffen Sie darauf, dass Sie Politiker eines Tages so erreichen werden, dass Probleme auch direkt gelöst werden, dass Politik nicht länger inhaltslos bleibt?
Nein, absolut nicht. Das ist eine wahnwitzige Hoffnung. Wir setzen darauf, dass immer mehr Leute erkennen, dass „Die PARTEI“ die einzige seriöse Partei ist. Wir haben bei U18-Wahlen auch ganz andere Ergebnisse als bei den Bundestags- oder Landtagswahlen. In Schwäbisch-Gmünd oder Berlin haben wir Werte, die knapp unter fünf Prozent kommen.

Unser Magazin richtet sich vornehmlich an junge Leute, also an Ihre Hauptwählergruppe…
Wir auch, schließlich tragen wir den Terminus der Elitenförderung in unseren Namen. Speziell ein Programm dürfte Ihre Leser interessieren: Wir sind dafür, Studenten fünfzehn Semester lang mit 1000 Euro im Monat plus DDR-Miete (wir wollen die Mieten wieder zurückfahren) zu alimentieren. Und nach diesen fünfzehn Semestern stecken wir sie in die Produktion.

Also wollen Sie tatsächlich die „totale Bildung“.
Ich will auf jeden Fall eine Zeit, in der sich junge Leute ausprobieren können, ich habe selber fünfzehn Semester studiert. Durch ein oder zwei Kniffe habe ich auch diese fünfzehn Semester BAföG beziehen können. Ich habe dies als eine gute Zeit empfunden, um zu merken, was mir Spaß macht. Diese Zeit sollte man jungen Leuten zugestehen. Das verschulte Studium wollen wir abschaffen. Ich hatte eine Hängematte im Garten in Münster und viel Zeit.

Was sind die dankbarsten Themen, die die Tagespolitik Ihnen momentan liefert?
Das ist schwer zu sagen. Es gibt schnell einen Überdruss. Eigentlich kann ich nichts mehr zum Thema Wulff hören, es sei denn, wir machen es selbst. Auch die FDP war eine Zeit lang so sehr in der Kritik, dass wir gesagt haben, wir stellen unsere Berichte ein. Man konnte nicht mehr über Westerwelle Witze machen. Schnell haben wir aber gemerkt, dass man nicht nicht Witze über ihn machen kann und haben wieder angefangen. Aber es ist schade, wenn sich das ganze Land auf ein Thema einschießt.

Über Niccolò Machiavelli, dessen Standardwerk Sie gelesen haben, heißt es: „Er konnte sich nicht leicht von seinem Sarkasmus frei machen, der immerfort um seine Lippen spielte, aus seinen Augen sprühte und ihm den Anschein eines berechnenden und nüchternen Kopfes gab.“ Was haben Sie außerdem mit Machiavelli gemeinsam?

Hm, nichts. Ich glaube, er gilt immer noch als Wegweiser, wie man auf schmutzigen Wegen an die Macht kommt. Ich habe „Der Fürst“ irgendwann in der Hängematte in Münster gelesen, aber ich glaube, man braucht heute nur in die Politik zu sehen und sich dort etwas abzuschauen. Ich glaube Machiavelli würde heute in einer Splitterpartei ein unansehnliches Dasein fristen.


Herr Sonneborn, vielen Dank für das Gespräch.

(Interview: Ronja Heintzsch / Foto: Lennart Feix)
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Über den Autor

Ronja Heintzsch
Ressortleiterin Kultur

Konstruktive Kritik in bitterscharfen Kommentaren üben, die Welt bereisen, auf aktuelle Problematiken hinweisen - all dies sind Gründe, aus denen Ronja beschloss, sich dem Metier Journalismus zu verpflichten. Schließlich gibt es noch einige unaufgedeckte Watergate-Affären in dieser Welt.

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