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Den ganzen Tag lang vor der Flimmerkiste sitzen

Ein Selbstversuch und seine Folgen

Fernsehen ist schlecht fĂŒr die Augen. Fernsehen macht dumm. Und vom vielen Rumsitzen wird man auch noch dick. Viele negative Vorurteile, die Christina Hubmann in einem Selbstversuch testet. FĂŒr back view geht sie der Frage nach: Was passiert, wenn man einen ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt?


Es ist ein trĂŒber Sonntag, als ich mich dazu entschließe, fĂŒr einen Tag zum TV-Junkie zu mutieren. „Ich bin schon verplant, sorry“, antworte ich auf die SMS meiner Freundin. Ich habe Großes vor. Ich werde heute viel von der Welt lernen, kann morgen alle Menschen mit meinen neuen Erkenntnissen beeindrucken und bestimmt in jede politische Diskussion problemlos miteinsteigen.
Mein KĂŒhlschrank ist voll, die Heizung brummt auf höchster Stufe und drei Red Bull-Dosen warten auf ihren Einsatz direkt neben der Couch. Es kann also losgehen, mein Experiment. Ich werde den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen. Herrlich.

Um 08:28 Uhr klingelt mein Wecker. Als ich den Fernseher einschalte, erscheinen eine Maus mit großen, klimpernden Wimpern und ein kleiner blauer Elefant auf dem Bildschirm. Ich wusste gar nicht mehr, wie sehr ich die Lach- und Sachgeschichten der „Sendung mit der Maus“ vermisst habe.
Direkt danach: Wintersport. Bob. Slalom. Biathlon. Abfahrt. Eisschnelllauf. Theoretisch könnte ich die nĂ€chsten Stunden ausschließlich Sportlern im Schnee und Eis zusehen. Aber wie lange war ich eigentlich schon nicht mehr in der Kirche? Also wird umgeschaltet zum ZDF, zum Katholischen Gottesdienst.

Die Caritas hat sich zum Ziel gesetzt, ein Leben aus der Liebe Gottes zu fĂŒhren und möchte dazu beitragen, dass diese Liebe in der Gesellschaft erfahrbar wird. Nach der Übertragung können die Zuschauer mit der Gemeinde Kontakt aufnehmen, die Telefonnummer wird wĂ€hrend des Gottesdienstes bekanntgegeben.

UnnĂŒtzes Wissen
Ab Minus 20 Grad können GetrĂ€nke fĂŒr den Menschen gefĂ€hrlich werden. Das lehrt mich Wigald Boning bei einer uralten Wiederholung von ‚Clever‘. Nina Hagen versteckt sich wie eine DreijĂ€hrige unter dem Tisch, als die Stickstoff-Flasche zerplatzt. Ein Schrei, dann ein verkrampftes Lachen von der Moderatorin Barbara Eligmann. Ich denke darĂŒber nach, mein Handy auch mal in den Mixer zu stecken, um zu sehen, ob daraus wirklich schwarzer Staub entsteht, aber ich besitze keinen Mixer.

Frische Kaffeeflecken bekommt man mit einem Staubsauger besser weg, als mit einem RasenmĂ€her (aber ein RĂŒckstand bleibt immer erhalten). Ich bilde mir ein, dass ich genug Informationen aus der „Show, die Wissen schafft“ mitgenommen habe und summe deshalb beim Lied „My Baby left me“ mit, welches Rachel bei ‚Unser Star fĂŒr Baku‘ den Musikexperten Stefan Raab, Thomas D und Alina vorsingt.

10:02 Uhr: Ich logge mich aus Langeweile bei Facebook ein. Nichts Neues.

„Haben Sie schon mal im GefĂ€ngnis gesessen? – Ja, ja, klar.“ So werde ich bei der Sendung ‚Die Geldeintreiber‘ begrĂŒĂŸt. Diesmal dabei: Eine junge hĂŒbsche Frau, die ihren Hauptschulabschluss nachholen möchte, ihre Rechnungen seit sechs Jahren nicht geöffnet hat und ihre Schulden bisher einfach nicht wahrhaben wollte. Dazu verwirrte Alte, die mit ihrem Haushalt nicht mehr zu Recht kommen. Meine Stimmung hebt sich erst wieder, als ich erfahre, dass Mickie Krauses „Schatzi, schenk mir ein Foto“ auf RTL II zum AprĂšs-Ski-Hit 2012 gewĂ€hlt wurde.

Was man alles lernen kann beim Fernsehen
Ich ĂŒberlege kurz, was ich alles gerade Sinnvolles tun könnte, statt vor dem Fernseher zu sitzen und mich berieseln zu lassen; kann den Gedanken aber nicht zu Ende bringen und mustere stattdessen gespannt die Dame im TV, der vor laufender Kamera das NĂ€schen nachgepudert wird.
Irgendwann zwischen 11:00 und 12:00 Uhr: Es ist Winterschlussverkauf beim Teleshopping. Gut, dass mein Handy noch nicht im Mixer zu Staub verfallen ist, sonst hĂ€tte ich mir jetzt den kleinen silbernen AnhĂ€nger mit dem grĂŒnen Steinchen und das goldene Amulett mit der aufwendigen Verzierung nicht mehr bestellen können. Ich versuche mir die Strategien zu merken, mit denen man Opfern wie mir, alles andrehen kann. Erfolglos.

EnttĂ€uscht und ein bisschen wĂŒtend ĂŒber mich selbst verweile ich bei der israelischen Hochzeit mit den schönen orientalischen Kleidern. Aber es bleibt nicht viel Zeit, auf diesem Sender zu verweilen, denn auf meinem ausgedruckten TV-Programm ist auch noch ‚Spongebob‘ blau markiert. Ich beobachte betrunkene Piraten, die ihre KrĂŒge zu dem Lied „Spongebob, Spongebob, Spongebob Schwammkopf“ heben. Nickelodeon ist eben auch nicht mehr das, was es einmal war.
Ich rufe nach meinem Mitbewohner. Ich brauche Nachschub – die salzigen ErdnĂŒsse haben mich durstig werden lassen. Zeit, selber in die KĂŒche zu laufen, bleibt nicht, sonst wĂŒrde ich das ‚A-Team‘ verpassen. Der Erfolg mancher Serien bricht eben nie ab.

Die Sonne spitzt kurz durch mein Fenster herein. Großes Narrentreffen in Konstanz. Ich sehe winkende Schafe mit Hörnern, die riesige Glocken um ihren Hals tragen. Was mĂŒssen die GardemĂ€dchen frieren, mit den dĂŒnnen Strumpfhosen durch die Straßen zu laufen. Gut, dass ich unter meiner warmen Decke auf der Couch liege. Konstanz hat 85.000 Einwohner, teilt mir ein lustiger Clown in roter Jacke mit.
15:15 Uhr: ‚Auf und Davon – Mein Auslandstagebuch‘. Ich werde langsam unruhig, blicke leicht wehmĂŒtig nach draußen, drehe mich mal nach links, mal nach rechts, möchte aufstehen, mich bewegen, möchte auch auf und davon.

Dinge, die die Welt bewegen
Viel zu viele Fragen werden beim ‚ZDK Kulturpalast‘ aufgeworfen. Ist es rassistisch, einen weißen Schauspieler schwarz anzumalen? Spielt Moritz Bleibtreu bald unseren derzeitigen BundesprĂ€sidenten Christian Wulff? Ist das neue StĂŒck „John Gabriel Borkman“ von Henrik Ibsen, das derzeit auf der Berliner VolksbĂŒhne aufgefĂŒhrt wird, noch Kunst? Zumindest sind es Provokationen und Skandale, komprimiert auf einem TheaterstĂŒck von nur elf Stunden. Da sitze ich lieber vor dem Fernseher.

Ich stehe kurz auf und lĂŒfte mein Zimmer. Dann kommt mein persönliches Highlight des Tages: ‚Der Bachelor‘. Bevor der Image-Berater in der Nacht der Rosen die Wahl zwischen 21-jĂ€hrigen Kunstgeschichtsstudenten, 30-jĂ€hrigen Krankenschwestern und 40-jĂ€hrigen Hausfrauen hat, muss er Fragen wie „Findest du mich hĂŒbsch?“ oder „Was war das Romantischste, was du je fĂŒr eine Frau gemacht hast?“ ĂŒber sich ergehen lassen. Mit seiner Sissi darf er auf einem Elefanten durch die Gegend reiten und von einem kleinen Balkon im Wohnzimmer des Hauses aus, seine bisherige Ausbeute begutachten.
20:00 Uhr: Die ‚Tagesschau‘ nehme ich noch bei völligem Bewusstsein mit, beim ‚Tatort‘ und dem Spielfilm ‚Der Pate‘ und selbst meinem geliebten GĂŒnther Jauch, lĂ€sst meine Konzentration aber schon erheblich nach. Aber erst spĂ€t nach Mitternacht erlaube ich mir, meinen Fernseher abzuschalten.

Mein Fazit zum Sonntag: Micaelas Bikini beim ‚Dschungel Camp‘ ist in meinem Augen definitiv kein Bikini – auch wenn man das angeblich in Amerika jetzt so trĂ€gt –  sondern ein Faden mit drei Knoten. Ich werde morgen meinen Internetvertrag Ă€ndern, weil das Angebot in der Werbeunterbrechung auf Pro 7 wirklich reizvoll klingt. Ich werde die pinke „Vanish“ -Flasche ausprobieren – „denn wir haben ja alle was Besseres zu tun, als WĂ€sche waschen“.
Ich habe gefĂŒhlte siebenmal in diversen Nachrichtenformaten erfahren, dass die jĂŒngste Weltumseglerin Laura Dekker am Ziel ist, Heidi Klum und Seal dagegen die Welt wohl bald getrennt voneinander entdecken. Und, dass Augen selbst nach einem Tag Fernsehen nicht annĂ€herungsweise viereckig sind. Nur furchtbar trĂ€ge. Bevor ich einschlafe, schreibe ich meiner Freundin noch schnell eine SMS: „Ich habe genug vom Fernsehen – lass uns morgen treffen“.

(Text: Christina Hubmann)
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Über den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nÀmlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit LÀngerem - erfolglos.

Anzahl der Artikel : 55

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