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De Madrid al cielo

Wiebke √ľber ihren Madrid-Aufenthalt
retiro see1Von Madrid aus in den Himmel – das war alles, was ich NICHT dachte, als ich vor gut einem Jahr wegen meines Erasmus-Semesters landete. Zu hei√ü, zu stickig, zu viele Menschen und ein Taxifahrer, der mich um 20 Euro betrog – und das am ersten Tag! Aber auch in Spanien entpuppte sich die norddeutsche Binsenweisheit ‚ÄěAbwarten und Tee trinken“ als sehr hilfreich.

Madrid ist mit seinen 3,3 Millionen Einwohnern die drittgr√∂√üte Stadt der EU – nach London und Berlin, versteht sich. Dementsprechend gro√ü sind auch die Universit√§ten der Stadt und ebenso dementsprechend verlor ich mich die ersten Wochen an der Universidad Aut√≥noma de Madrid, wo ich an der Philosophischen Fakult√§t sieben Monate verbringen sollte, des √Ėfteren. Mal sa√ü ich auf einmal in einer BWL-Vorlesung (oh ja, das war hart), dann wieder fand ich mich beim Hausmeister wieder, obwohl ich nur ein leckeres Mahl aus der Mensa wollte – genau die war n√§mlich bedeutend besser als alle, die mir vorher in Deutschland untergekommen waren, das wollte ausgenutzt werden!

wiebke  fakulttDie Seminare glichen hingegen¬†durchg√§ngig sehr trockenen Vorlesungen, was allerdings unter Umst√§nden recht hilfreich sein k√∂nnte, sofern man der spanischen Sprache noch nicht so ganz m√§chtig war. Zuh√∂ren und Mitschreiben – damit hatte ich im ersten Monat definitiv genug zu tun. Und dann wollten da noch bedeutend mehr Texte gelesen werden, als ich es von meiner Heimatuni kannte. Die Pr√ľfungsleistungen waren zumeist eine Kombination aus Klausur und Hausarbeit. Wer in der Lage ist, sich viel schnell in die R√ľbe zu pressen, sollte sich allerdings wegen des Bestehens der Kurse keine Sorgen machen m√ľssen. Die Hausarbeiten sollten jedoch unbedingt von einem Muttersprachler Korrektur gelesen werden, andernfalls fordert man das Schicksal schon sehr heraus – Ausnahmen f√ľr Erasmus-Studis gibt es n√§mlich so gut wie gar nicht. Doch genug von der Uni, ich soll schlie√ülich die Metropole beschreiben!Das wirklich charmante an Madrid ist neben kleinen Reinigungsfahrzeugen, die des Nachts daf√ľr sorgen, dass die Stra√üen vom Staub und Dreck des Tages befreit werden, der unvergleichliche Mix von Tradition und Moderne. Dies kommt sowohl an in den Schaufensterscheiben der Starbucks-Filiale zum Ausdruck, in dem sich die Statue von Don Quijote auf der anderen Stra√üenseite spiegelt, als auch an der Gran Via, wo sich der Plexiglas-Klotz der Telef√≥nica-Gesellschaft an Geb√§ude des 19. Jahrhunderts schmiegt. Nat√ľrlich gibt es das in anderen St√§dten auch, aber bestimmt nicht so wie in Madrid. Genau dieser Mix findet sich zumindest meinen Eindr√ľcken nach auch in der Mentalit√§t wieder – Oma geht sonntags zur Kirche, hat aber auch kein Problem mit der fiesta de Chueca (dem Christopher Street Day), der jedes Jahr im Juli die ganze Stadt in einen Hexenkessel feierw√ľtiger Menschen verwandelt. Dass das erzkonservative Spanien ohnehin in Sachen Homosexualit√§ts-Politik Deutschland und den meisten anderen EU-L√§ndern meilenweit voraus ist, schrieb ich ja schon an anderer Stelle. Genau dieses √ľberaus positive Janus-Gesicht ist es jedenfalls, das Madrid so spannend f√ľr mich gemacht hat.

kilometro zeroZudem ist unbedingt erw√§hnenswert, dass ein Spaziergang durch die barrios den Eindruck vermittelt, Madrid sei nicht nur ‚Äědie Hauptstadt“, sondern bestehe vielmehr aus einem Mosaik verschiedener St√§dte. Vom Tapas-Viertel La Latina, wo jeden Sonntag der sehenswerte Flomarkt El Rastro stattfindet √ľber die Museumsmeile mit dem Prado und dem Thyssen-Museum (nein, das hat nichts mit Stahlwerken zu tun), vorbei am Sol, dem ewig pulsierenden Herz der Stadt, von dem aus alle Stra√üen Spaniens radial vermessen werden (unbedingt auf den Kil√≥metro Zero stellen und ein Foto machen!) hin zum Homo-Viertel Chueca, wo jeden Abend die kleinen Clubs bis zum Bersten gef√ľllt sind: das alles ist Madrid.

schinkenNicht zu vergessen sind die kulinarischen K√∂stlichkeiten, die unter anderem im Mercado de San Miguel, gleich am Plaza Mayor, angeboten werden. Von Schinken (jam√≥n) √ľber Paprikasalami (chorizo) f√ľhren einen die Marktst√§nde vorbei an Tapas in jeder Variation, Meeresfr√ľchten, Wein, queso manchego und noch vielem mehr. Falls sich an der Weinbar ein Pl√§uschchen ergeben sollte, kann man sicher sein, im Anschluss mit in einen Club zum Feiern geschleppt zu werden – das Feiern dauert in Spanien weit l√§nger als in Deutschland √ľblich, vor 9.30 Uhr in der fr√ľh braucht ihr also an ein Bett gar nicht erst denken. Nach dem Tanzen und Feiern nimmt man traditionsgem√§√ü einen Abstecher in einer Churreria vor, in der (der Name weist schon darauf hin) teuflisch leckere und fettige churros (ein Spritzgeb√§ck, dass man sich in etwa wie Schmalzringe vorstellen kann – nur d√ľnner und besser) in m√§chtige Schokoladenso√üe getunkt werden. Dieses ‚ÄěFr√ľhst√ľck“ vertreibt schon prophylaktisch den Kater, wenngleich der Speckring um die H√ľfte proportional zu der Anzahl verspeister Kringel w√§chst.Doch nicht nur Clubs zum Abfeiern zum Beispiel rund um die Metro-Station Tribunal oder in Legazpie hat Madrid zu bieten – die schon angesprochenen Museen warten mit Rabatten f√ľr Studenten auf und bieten viele Sonderausstellungen; das Forum Caixa ist sogar komplett kostenlos zu besuchen und bietet st√§ndig der Avantgarde zugewandte Ausstellungen an. Auch auf den B√ľhnen der Stadt geht immer was, egal ob man hier die Theaterb√ľhnen oder die B√ľhnen der Konzerts√§le meint. In der zu letzterer Kategorie z√§hlender La Riviera steigt √ľbrigens immer eine gro√üartige Semesterabschlussparty mit 2 Floors, guter Musik und bezahlbaren Getr√§nken.

luzifer retiroUnd auch f√ľr den Naturfreund bietet Madrid einen Schatz – den Parque de Retiro. Neben einer der weltweit √§u√üerst rar ges√§ten Luzifer-Statuen kann man hier im Rosengarten herumturteln, auf dem See in einem Boot umher paddeln oder aber einfach mit einem Eis in der Hand im Schatten chillen.Grillen ist dort nicht gern gesehen, allerdings macht das bei der F√ľlle von kleinen und spottbilligen Lokalen in der ganzen Stadt recht wenig. Wer von der spanischen lauten, verrauchten und feucht-fr√∂hlichen Barkultur mal ein wenig Abstand braucht, dem sei ein Mittwochabend in der 100 Montaditos-Filiale an der Oper ans Herz gelegt. Hier treffen sich Praktikanten und Studenten aus der ganzen Welt und es gibt alles (auch ca√Īas, kleine gezapfte Bierchen) f√ľr einen Euro.Alles andere soll der werte Leser nun selbst herausfinden – de Madrid al cielo ist zumindest nach den ersten skeptischen Momenten einer meiner Lieblingss√§tze geworden, wenn sich Daheimgebliebene nach meiner Befindlichkeit erkundigten. Madrid, wir sehen uns!

(Text & Fotos: Wiebke Meeder)


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