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Dauercampen ist nicht jedermanns Sache

Kommentar zur Zukunft von Occupy

Jetzt sind fast alle Occupy-Camps in Deutschland geräumt. back view fragt nach Sinn und Zweck der Camps und, was sie im Nachhinein bewirkt haben. Dabei wird klar: Sinnlos waren sie sicherlich nicht, aber am Ende nicht mehr zu rechtfertigen.

Ich kenne keinen Occupy-Aktivisten pers√∂nlich, bin immer wieder am Camp von Occupy Frankfurter vor der Europ√§ischen Zentralbank vorbeigelaufen, aber nie stehen geblieben. Erst als nur noch Sperrm√ľllberge und Dreck √ľbrig waren, habe ich mich mit den letzten Campern unterhalten. Mein Eindruck nach diesen Gespr√§chen: Hier haben Idealisten ihre Zelte aufgeschlagen, die am Ende keiner mehr sehen konnte – selbst viele Ex-Camper nicht mehr.

Sinnlos waren die Camps bestimmt nicht, denn ihre Kritik und ihr ‚ÄěHassobjekt“ – die Banken – waren in der Eurokrise genau richtig gew√§hlt. Deshalb hatten sie in der Bev√∂lkerung viele Bef√ľrworter, und auch die ‚ÄěAktivisten“ kamen aus allen Schichten: Studenten, Arbeitslose, Banker, Informatiker, K√ľnstler, Vollzeitaktivisten, um nur wenige zu nennen. Einige waren nur zu Besuch der nur bei Demonstrationen aktiv, andere verlegten ihr Schlafzimmer dauerhaft ins Camp.

Ziele des Anfangs am Ende nicht mehr sichtbar

Am Beispiel Frankfurt standen der Infostand, St√ľhle, Tische und andere √úberbleibsel aus Camp-Tagen nach der R√§umung Anfang August neben der Wiese voller Holz- und M√ľllhaufen, wo Polizisten, Ordnungsamt und M√ľllabfuhr am Werk waren.
Auf dem Infotisch lagen Flyer, die √ľber die Ziele von Occupy und anderen linken B√ľndnissen informieren sollen. Eine Touristin auf der Durchreise blieb einen Tag nach der R√§umung stehen, sagte, dass sie das Camp gut fand und fragte, wo die Spendenbox sei.

Das Gr√ľndungsmotive der Camps waren in Zeiten der Eurokrise gut gew√§hlt: Es ging den Campbewohnern unter anderem darum, die Gesellschaft wach zu r√ľtteln und zu zeigen, dass in unserem Finanz- und Wirtschaftssystem etwas schief l√§uft, Machtstrukturern unfair verteilt sind, und die Politik zu wenig Interesse zeigt, dass zu √§ndern.

Schmutz und Chaos РRäumung unvermeidbar?!
Mein Eindruck beim Besuch im ger√§umten Frankfurter Camp war aber auch: Hier liegen/sitzen auch Leute, die einfach nur Teil der Gruppe geworden sind und, die die Gesellschaft nicht umw√§lzen wollen. Das Frankfurter Verwaltungsgericht begr√ľndete die R√§umung damit, dass kein gemeinsames Ziel der Personen erkennbar sei, die sich in dem Zeltlager aufhielten – unter ihnen auch Obdachlose und Drogenabh√§ngige.
Auch die √∂ffentliche Sicherheit und Hygieneprobleme wurden genannt. Diese Kritik scheint mir berechtigt, bei meinem Besuch wurde mir von einem M√ľllberg berichtet, unter dem 30 (!) Ratten vermutet wurden, die jetzt alle get√∂tet werden m√ľssen. Aus Sicht der Campbewohner war die Begr√ľndung nicht berechtigt.

Eine Debatte in Camp-Zeiten drehte sich um Obdachlose der ethnischen Minderheit der ‚ÄěRoma“, von denen etliche zum Schluss im Camp gewohnt h√§tten. Sie w√ľrden andernfalls auf der Stra√üe leben, ein Missstand der erst durch das Camp sichtbar geworden sei, so die Argumente der Aktivisten.

An dieser Kritik ist sicher viel Wahres. Diese Probleme haben aber nichts mehr viel mit der Ursprungsidee, der antikapitalistischen Bankenkritik, und den Zielen, die die Occupy-Bewegung verfolgen wollte, zu tun: Am Ende waren zu viele Themen auf der Agenda, zu viele Akteure mischten mit Рnicht umsonst lautet ein Sprichwort: Zu viele Köche verderben den Brei.

Druck von au√üen f√ľhrten bei den meisten Camps zur R√§umung, bei Occupy Frankfurt zudem innere Zerstrittenheit. Der Leiter der Aufr√§umaktion vom Frankfurter Ordnungsamt sagte es ganz treffend: Er habe das Gef√ľhl gehabt, am Ende seien viele Bewohner froh gewesen, dass das Camp ger√§umt wurde – es sei vielen schlicht √ľber den Kopf gewachsen.

(Text: Nina Nickoll)
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