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Das verschollene Genie

Wann und wo endet Diegos Tortur?

Nun geht er endg√ľltig nicht nach Brasilien, weil dort zeitig das Transferfenster schlie√üt. Dennoch wei√ü Diego aber immer noch nicht, wo er n√§chste Saison spielen wird. Der Spielmacher, dessen Abstieg nach dem Weggang aus Bremen begann, sucht noch einen neuen Verein. Diego war in Bremen zu einem Leistungstr√§ger gereift, er wollte ausziehen in die weite Welt. Letztendlich landete er bei Wolfsburg, wo Magath ihn nach einem Jahr rausschmiss.

Es war der 13. August 2006, Werder Bremen gewinnt zum Saisonauftakt gegen Hannover mit 4:2. Mittendrin und mit einem Tor und zwei Vorlagen ma√ügeblich beteiligt: Neuzugang Diego. Der Spielmacher sollte den gro√üen Johan Micoud beerben. Die Fu√üstapfen waren riesengro√ü, ebenso der Zweifel am brasilianischen Neuzugang. F√ľr die Bremer Sparf√ľchse waren die sechs Millionen Abl√∂se schon sehr viel, vor allem f√ľr einen in Porto gescheiterten S√ľdamerikaner.

Traumtor gegen Aachen
Mit einem Schlag waren die Kritiker jedoch beruhigt. Diego zauberte gegen Hannover, er ließ auch eine Woche später gegen Leverkusen eine Gala folgen. Mit insgesamt 18 Scorerpunkten in der Hinrunde machte er alle Zweifler mundtot. Hinter Miroslav Klose avancierte er zum Senkrechtstarter der Saison.

Was dieser junge Spielmacher mit dem Ball anfangen kann, zeigte er in jeder erdenklichen Szene. Seine Zauberk√ľnste setzte er nicht nur effizient ein, teilweise verpasste er den schnellen, einfachen Pass. Zudem haftete ihm – trotz aller Fu√üballkunst – der Geruch eines Schwalbenk√∂nigs an. Er wurde hart angegangen, suchte jedoch auch oft genug den Bodenkontakt. Trotzdem wehrte er sich fr√ľh, oft auch hitzig. Highlight der Saison war zweifelsohne sein 60-Meter-Tor gegen¬† Aachen am 20.04.2007.

‚ÄěDi-di-di-Diiieegoooo“
Schnell umrankten den genialen Spielmacher Wechselger√ľchte. Der Brasilianer jedoch zeigte sich dankbar. Werder Bremen gab ihm die M√∂glichkeit, den gescheiterten Auftritt in Porto vergessen zu machen. Er konsolidierte sich schnell, auch wenn die Erwartungen in der zweiten Saison stiegen. Ein Titel sollte her.

Es soll vorgekommen sein, dass neutrale Fu√üballfans aus den St√§dten der Republik ins Weserstadion zogen, um den 1.75-Meter-Mann bestaunen zu k√∂nnen. Hochbegabte Werder-Anh√§nger dichteten den Stadionschlager ‚ÄěDi-di-di-Diiieeegooo“. Einfach, aber klar. Eine Hommage an die Zaubermaus in gr√ľn-wei√ü.

Genie und Wahnsinn
Wie hitzköpfig und rasend Diego aber auch sein kann, zeigte er eindrucksvoll, als er Sotirios Kyrgiakos umstieß. Der grobschlächtige Grieche hatte den zarten, aber kompakten Brasilianer zuvor hart bearbeitet. Diego verlor die Nerven und flog vom Platz. Genie und Wahnsinn vereinten sich in ihm.

Als Diego dann 2009 seinen sehns√ľchtig erwarteten Titel in Form des DFB-Pokals holte, konnte ruhigen Gewissens den n√§chsten Karriereschritt vollziehen. Er tr√§umte von den gro√üen Klubs, er wollte ausziehen in die weite Welt. Die Grundlagen daf√ľr hatte Diego in Bremen gelegt.

Tortur in Italien
Letztendlich ging er nach Italien, es zog ihn nach Turin zur ‚ÄěAlten Dame“. Ein prestigetr√§chtiger Verein, der seine beste Zeit aber lange hinter sich hatte. Nach einem ordentlichen Start offenbarte sich Diego, dass er in eine Mannschaft kam, die immer noch von Ikone Alessandro del Piero dominiert wurde. Ein Verein, der das Chaos anzieht und wo er nicht auf der geliebten Position hinter den Spitzen spielen konnte, dort n√§mlich herrschte eben jener del Piero.

Aus dem erhofften Karrieresprung wurde rasch eine Tortur in Italiens leeren Stadien. Das Genie war verloren im luftleeren Raum. Was in Bremen noch Nähe und Wärme waren, das fand Diego in Italien nicht vor. Er fand kein gemachtes Nest. Der Turiner Diego nur ein Schatten alter Tage.

Wolfsburg – die umjubelte R√ľckkehr?
Im Sommer 2010 folgte die Wende – Wolfsburg hatte Misimovic verkauft und suchte nach Ersatz. Der ungl√ľckliche Diego kehrte zur√ľck nach Deutschland, dorthin, wo er so gefeiert wurde. Dort, wo seine Karriere wieder in die Bahn fand. Der Start in Wolfsburg war famos – zumindest die ersten 45 Minuten gegen Mainz. Man ging schnell mit 3:0 in F√ľhrung, verdaddelte aber den Vorsprung in gr√∂√üter Trottel-Manier. Es war ein Abbild der Saison, die hochdekorierte Mannschaft mit dem hochveranlagten Diego konnte zaubern, letztendlich sprang aber kein Ertrag dabei heraus. Gegen Mainz verlor Wolfsburg noch mit 3:4.

Der in Turin eingeleitete Niedergang setzte sich in Wolfsburg weiter fort. Mit mehr Gl√ľck als Verstand kam Diego ohne Rote Karte durch die Saison. Rasend vor Wut trat, schubste und maltr√§tierte er die Gegner. Gerne hinter dem R√ľcken der Schiedsrichter, manchmal aber trat die Wut derart offensichtlich zur Schau, dass es einer Provokation gleichkam.

Der traurige Tiefpunkt war die Flucht aus der Mannschaftsbesprechung am letzten Spieltag. Diego suchte den offenen Bruch, er sollte nicht in der Startelf stehen und suchte das Weite. Nun machte Magath klar, dass das Tischtuch zerschnitten ist und bleibt. Die Wogen sind nicht zu glätten, doch was folgt nun?

Diego auf die Insel? Oder doch Spanien?
Schon zuvor kamen die typischen Sommerlochger√ľchte auf. Diego etwa nach China? Was abstrus klang, konnte man dennoch als Warnung verstehen. Die Frage war, ob Diego den Weg des geringen Widerstands gehen w√ľrde, folgt er dem gro√üen Geld? Dann aber w√§re das verschollene Genie wohl endg√ľltig begraben gewesen. Das fu√üballerische Exil in der W√ľste schwebte verlockend √ľber ihm, es w√§re jedoch auch ein Schritt ins Niemandsland gewesen. Eine kolportierte R√ľckkehr ins Heimatland Brasilien w√§re ebenso ein sportlicher R√ľckschritt gewesen, er w√§re nur mit einer interessanten Mischung aus Geld und Romantik zu erkl√§ren gewesen.

Diego aber soll es nun doch angeblich nach England ziehen. Das Mutterland des Fu√üballs ist nicht nur eine der potentesten Ligen, dort k√∂nnte sich der 26-J√§hrige nun auch den Traum eines Weltvereins erf√ľllen. Der Traditionsklub Liverpool soll Interesse haben. „Im Moment ist England der Ort, an dem ich spielen m√∂chte“, √§u√üerte sich Diego gegen√ľber The Guardian noch vor einigen Wochen. Doch passiert ist seitdem nichts. Nun soll dann doch auch noch Atletico Madrid Interesse haben.

Andere Vereine zeigen ebenfalls Interesse, was nachvollziehbar ist ob der Klasse des Spielmachers. Der Vertreter einer ausgestorbenen Spezies hinter den Spitzen hat alle Voraussetzungen, die muss er aber schnellstmöglich wieder abrufen, um das verschollene Genie wieder aufleben zu lassen.

(Text: Jerome Kirschbaum)


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√úber den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten √ľber Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling f√ľr back view, neben den Leibes√ľbungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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