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Das schwierigste Kunststück ist die Liebe

Julias Kulturecke: Buch-Kritik „Wasser für die Elefanten“

2011 ist Jacob Jankowski 90. Oder 93. So genau weiß er das nicht mehr. Als ein Zirkus seine Zelte vor dem Seniorenheim aufschlägt, erwachen alte Erinnerungen in dem starrsinnigen Greis, Erinnerungen an die schönste und zugleich schlimmste Zeit seines Lebens.

1931 steht Jacob Jankowski nach dem plötzlichen Unfalltod seiner Eltern ohne alles da. Die Depression hat Amerika fest im Griff, die Praxis seines Vaters wird verpfändet, das Studium der Veterinärmedizin an einer Elite-Uni kann er nicht abschließen. In einem Akt der Verzweiflung springt Jacob nachts auf einen vorbeifahrenden Zug und landet bei „Benzinis spektakulärster Show der Welt“, einem drittklassigen Wanderzirkus, der ihn als Tierarzt einstellt.Unter den kuriosen Zirkusgestalten – mit einem Zwerg teilt er sich beispielsweise den Schlafplatz – findet er rasch gute Freunde. Zudem verliebt er sich gleich in zweifacher Hinsicht: in die verfressene Elefantendame Rosie und in die zauberhafte Dressurreiterin Marlena. Doch während er Rosies Herz mit Wassermelonen erobern kann, hat er es bei Marlena deutlich schwerer, ist sie doch verheiratet und das ausgerechnet mit August, dem Zirkusdirektor.

Sara Gruen erzählt die Geschichte von Jacob Jankowski auf zwei Zeitebenen. Sie schildert abwechselnd sein ödes Leben im Altenheim und seine aufregenden Monate als junger Arzt beim Zirkus. Jacobs Heimalltag wird dabei so realistisch beschrieben, dass man zugleich lachen und weinen möchte. Die Zankereien mit den Heimbewohnern und Krankenschwestern sind herrlich amüsant, während die Eintönigkeit sowie die vielen Bevormundungen betroffen stimmen. Sehr liebevoll zeichnet sie den Charakter des sturköpfigen Rentners, der auch mit 90 Jahren mehr vom Leben möchte als Schlaftabletten und breiiges Essen.

Die Haupthandlung spielt sich lediglich in den Erinnerungen des alten Jacobs ab, ist jedoch authentisch und unglaublich spannend erzählt. Der Leser wird in die bunte Zirkuswelt der frühen 30er Jahre hineinkatapultiert und erhält einen einmaligen Blick hinter ihre Kulissen, der nichts beschönigt, nichts verherrlicht. Denn das Zirkusleben ist wenig glamourös und geprägt von Armut, Dreck und Profitgier. Tiere und Artisten müssen aus finanziellen Engpässen hungern, überflüssige Arbeitskräfte werden aus dem fahrenden Zug geworfen und Gehälter gibt es nur alle paar Monate.

Dennoch übt Jacobs Erzählung eine beeindruckende Faszination auf den Leser aus, lässt sie doch ein nahezu lebendiges Bild aus schillernden Farben, knallenden Peitschen, brüllenden Löwen und herrlich-süßer Zuckerwatte entstehen. Exotik und Zauber geht einher mit grausamer Realität, was den besonderen Reiz des Buchs ausmacht.

Im Nachwort geht Autorin Sara Gruen auf die Entstehungsgeschichte ihres 2008 erschienenen Romans ein und erzählt von ihrer Begeisterung für die amerikanischen Wanderzirkusse der 20er und 30er Jahre. Über einen Zeitungsartikel sei sie mit diesem ungewöhnlichen Thema in Berührung gekommen und fortan dem Zauber des fahrenden Volks erlegen. Diese Begeisterung spürt man auf jeder Seite ihres Buchs.

Dass die Autorin bereits im ersten Kapitel den tragischen Ausgang der Geschichte andeutet, ist nicht sonderlich klug, nimmt sie ihrem Roman doch einen Großteil der Spannung. Auch die Entwicklungen um Jacob und Marlena wirken gelegentlich ein wenig trivial und gewinnen zu spät an Brisanz. Hier hätte die Autorin ihre Geschichte intelligenter aufbauen können. Nichtsdestotrotz ist „Wasser für die Elefanten“ ein zauberhafter Roman, der gut geschrieben und spannend geschildert ist.

Ab dem 28. April ist „Wasser für die Elefanten“ im Kino zu sehen. Unter der Regie von Francis Lawrence („I am Legend“) wurde Sara Gruens Roman aufwendig verfilmt und mit Hollywoodgrößen wie Reese Witherspoon (Marlena), Robert Pattinson (Jacob) und Christoph Waltz (August) besetzt.

(Text: Julia Hanel)
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