Du bist hier: Home » Politik » International » Das rote Schreckgespenst

Das rote Schreckgespenst

Kommentar: Amerikaner graben Antikommunismus aus

Barack Obama musste schon während seiner Amtszeit harte Kritik einstecken, er spaltete das Land in längst verloren geglaubte Lager. Mit seiner Gesundheitsreform kam der Kommunismus-Vorwurf besonders laut auf. Spätestens jetzt im Wahlkampf erlebte die Sozialismus-Keule wieder Hochkonjunktur.


Don Winslow beschrieb in seinem epischen Beststeller ‚ÄěTage der Toten“ die Eind√§mmungspolitik der USA in S√ľdamerika mit dem Begriff der Red Cloud. Die Protagonisten in Form von CIA-Agenten und US-Politikern unterst√ľtzen munter s√ľdamerikanische Drogenkartelle und Diktatoren, um einen potentiellen Einfluss der Sowjetunion zu vermeiden.

Die Darstellung kommt der Realit√§t des Kalten Krieges sehr nahe, die USA rekrutierte Satellitenstaaten – ohne R√ľcksicht auf moralische und ethische Konventionen. Aus Furcht vor dem Kommunismus der Sowjetunion wurde eine Atmosph√§re der Angst geschaffen. Auch die Sowjetunion agierte dabei nach einem √§hnlichen Prinzip.

Anfänge des Antikommunismus

Ihren Anfang aber hatte der Antikommunismus schon zur Zeit des Ersten Weltkrieg. Die Red Scare wurde durch die Oktoberrevolution und die damit gleichbedeutende Macht√ľbernahme der Kommunisten in Russland 1917 ausgel√∂st. Soziale Unruhen und ein Erstarken der linken Parteien waren in den USA die Folge.
Mit repressiven Ma√ünahmen, die den Karlsbader Beschl√ľssen des Deutschen Bundes aus dem 19. Jahrhundert √§hnelten, wurde das aufkeimende linke Gedankengut im Keim erstickt. Die zweite Phase der Red Scare setzte dann mit dem Kalten Krieg ein und zog massive Ma√ünahmen des FBI mit J. Edgar Hoover und das Verbot der Kommunistischen Partei der USA nach sich.

W√§hrend des Kalten Krieges wurde die Angst vor dem roten D√§mon auf ein Maximum getrieben. Atomare Horrorszenarien hielten die Bev√∂lkerung in Angst, Videos aus angeblich sicheren Atombunkern flimmerten √ľber die Bildschirme. US-Justizminister John Clark meinte Ende der 1940er-Jahre: ‚ÄěSie sind √ľberall, in Fabriken, B√ľros, Metzgereien, an den Stra√üenecken, in privaten Firmen“.

Ein Kontext der Angst, eine Gesellschaft, die in der Furcht vor dem Kommunismus vereint war Рdie Zeiten des Kalten Krieges scheinen vorbei. Doch eines wurde im Land der einst unerschöpflichen Möglichkeiten konserviert, als sei es in Salzlauge eingelegt worden: der Antikommunismus.

Obama – ein schwarzer Muslim mit roten Ideen?
Die Ideen des regulierten, staatsorientierten Wirtschaftens stehen trotz galoppierender Wirtschaftskrise dem Selbstverst√§ndnis der Amerikaner diametral gegen√ľber. Die lange Geschichte des Kampfes um die wirtschaftliche Hoheit und gegen den Sozialismus hinterlie√üen ihre Spuren, die bis in den aktuellen Wahlkampf hineinwirken.

Nicht selten wird Obama als Muslim Рman muss es leider in diesem Kontext so nennen Рdenunziert. Ein schwarzer Muslim, der rote Ideen in sich trägt Рdas brachte vor allem die reaktionäre Tea-Party um Sarah Palin auf die Palme und kurzfristig hoch in Kurs.
Die seichten Umverteilungstendenzen Obamas, die ohnehin schon √ľberaus weichgesp√ľlt wurden, spalten das Land. Gesundheitswesen und Steuerreform, dazu ein Staat, der durch Schulden finanziert ist. Das ist zu viel f√ľr die liberale Individualit√§tsgesellschaft.

Chuck Norris und der Wahlkampf
Das rote Schreckgespenst holte auch Filmikone Chuck Norris aus der Mottenkiste. In einem Wahlkampfvideo f√ľr die Republikaner versprach der Mann, der angeblich alles kann, ‚Äě1000 Jahre Dunkelheit“, wenn Obama widergew√§hlt werden sollte. F√ľnf weitere Jahre des Pr√§sidenten w√ľrden ‚Äěin den Sozialismus oder etwas noch viel Schlimmeres“ f√ľhren.
Konfuse Worte, die derart plakativ sind, dass sich eigentlich jegliche Diskussion er√ľbrigt. Aber sie stehen symbolisch f√ľr die Anfeindungen, die Obama entgegengeworfen werden. Sozialpolitik wird unter dem Deckmantel des Sozialismus betrachtet. Ein trojanisches Pferd, das Dunkelheit und noch viel Schlimmeres ins Land bringen k√∂nnte.

Die Kommunismus-Keule wird nicht nur in den USA hervorgeholt, auch CDU und FDP machen immer mal wieder mit einer Rote Socken-Kampagne auf sich aufmerksam oder warnen vor sozialistischen Umverteilungstendenzen. Dabei bedienen sie sich DDR-√Ąngsten einer unm√ľndigen Gesellschaft.
Differenzierte Auseinandersetzung sieht anders aus, hier werden hohle Phrasen gedroschen, die nur einem Zweck dienen: dem, Angst zu sch√ľren.

So auch in den USA, wo das rote Schreckgespenst zur Wahlkampfzeit abermals Hochkonjunktur erreicht. In diesem Sinne darf man eines Satzes erinnern, den Ronald Reagan schon vor Jahrzehnten in die Welt posaunte: ‚ÄěFreiheit ist immer nur eine Generation von der Ausl√∂schung entfernt.“ Selten war er derart aktuell wie heute.

(Text: Jerome Kirschbaum)
Download PDF  Artikel drucken (PDF)

Schreibe einen neuen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

√úber den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten √ľber Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling f√ľr back view, neben den Leibes√ľbungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

Anzahl der Artikel : 118

© back view e.V., 2007 - 2017

Scrolle zum Anfang