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Das Märchen der freien Bildung

Eine zu lang geratene Glosse

Als wir noch klein waren, haben wir sie geliebt: Märchen. Gerade wenn die dunkle Jahreszeit vor der Tür stand, krochen wir fast schon gerne ins Bett, um vor dem Einschlafen noch eine der spannenden Geschichten zu hören. Und egal, welche Erzählung die Eltern dann aus den unerschöpflichen Weiten der Märchenwelt in unsere Kinderstube holten, die Pointe war fast immer dieselbe: Das Gute siegt immer.

Ja, man erzählte uns sogar, dass wir alle Möglichkeiten haben, die das Leben zu bieten hat und wir sie nur ergreifen müssten – denn am Ende wird ja alles gut. Wir waren selbst die Prinzen und Prinzessinnen unserer Geschichten und fühlten uns unbeschwert und frei.

Doch dann wurden wir älter und stellten fest, dass es in Regierung und Politik viel bessere Geschichtenerzähler gibt als unsere Eltern. Und wir in einer Welt aus Märchen leben, deren Pointen alles sind, nur nicht die Versicherung, dass am Ende alles gut ausgeht. Eine dieser Sagen, die heutzutage jedem jungen Menschen ein Begriff sein sollte, ist das „Märchen der freien Bildung“:

„Es war einmal, in einer längst vergangenen Zeit, da fassten die Oberhäupter der Republik den Beschluss, dass Bildung für „jedermann“ frei sein sollte: und so begab es sich, dass Bildung abhängig von der Intelligenz und unabhängig vom Geldbeutel zu erlangen war. Söhne und Töchter armer und reicher Leute studierten Seite an Seite Fächer wie Jura, Medizin und Physik. Einige Länder nahmen das „Recht auf Lernmittelfreiheit und unentgeltlichen Unterricht“ sogar mit in ihre Verfassung auf. Wirtschaftlicher Aufschwung herrschte im Lande und Frieden ward unter den Menschen…“

Viele, viele Jahre später, im neuen Jahrtausend, war von dem, was einst gut war nicht mehr viel Gutes da. Unmut und Angst machte sich in den Köpfen der Menschen breit… Längst war Arbeit nichts Selbstverständliches mehr, nach wirtschaftlichem Tief war das Land gerade erst wieder auf einem aufsteigenden Ast und das Bildungssystem sowie die Schüler standen unter Beschuss. „Probleme löst man mit noch mehr Problemen“ schien der glorreiche Lösungsansatz der Landesregierungen hier gewesen zu sein.
Denn auf einmal stand ein, für Deutschland, bislang undenkbares Bildungskonzept im Raum – Studenten sollten zur Kasse gebeten werden. Unverständnis und Fassungslosigkeit war, vor allem im Anbetracht der finanziellen Lage, unter den Hochschülern allerorts anzutreffen. Sollte eine Hochschulausbildung nun wirklich eine Zweiklassengesellschaft innerhalb der Republik begünstigen?

Unabhängig vom Willen des Volkes brachen die meisten Landesregierungen mit ihrem Prinzip der freien Bildung und verstießen dabei teilweise gegen ihre eigenen Gesetze. Nach einem Moment der Ohnmacht schrieen die ersten Stimmen nach Boykott und Rebellion. Jedoch nahm die Protestbewegung in keinem Bundesland denselben Lauf, wie in der grünen Lunge Deutschlands. Laut Artikel 59 der hessischer Verfassung ist „in allen öffentlichen Grund-, Mittel-, höheren und Hochschulen der Unterricht unentgeltlich.

Unentgeltlich sind auch die Lernmittel mit Ausnahme der an den Hochschulen gebrauchten. Das Gesetz muss vorsehen, dass für begabte Kinder sozial schwächer gestellter Erziehungsbeihilfen zu leisten sind. Es kann anordnen, dass ein angemessenes Schulgeld zu zahlen ist, wenn die wirtschaftliche Lage des Schülers, seiner Eltern oder sonst Unterhaltspflichtigen es gestattet. Der Zugang zu den Mittel-, höheren und Hochschulen ist nur von der Eignung des Schülers abhängig zu machen.“
Dies nutzte die „Initiative für Solidarität und Freie Bildung“ um zu einer Verfassungsklage aufzurufen. Die Beteiligung war überwältigend: 78.721 hessische Bürgerinnen und Bürger unterschieben bis zum 22. Juni des Jahres 2007. Zusätzlich beschlossen die Landtagsfraktionen von SPD und Grünen eine weitere Klage gegen die beschlossenen Studiengebühren anzustrengen.
In den anderen Ländern wird sich ebenfalls fleißig organisiert: Maßstäbe setzt hier vor allem die HfBK Hamburg (Hochschule für bildende Künste), wo die Studenten weiter eisern ihrer Hochschule das Geld verweigern, während das Projekt „Boykott“ an anderen Universitäten aufgrund von mangelnder Konsequenz längst gescheitert ist.

Glücklich darf sich schätzen, wer das Aufbegehren der Hochschüler aus weiter Ferne betrachten kann, denn nicht alle Bundesländer haben derzeit Studiengebühren. Auch bleibt abzuwarten, ob und wie sich das Modell durchsetzen wird. Aber eins ist sicher: Das Märchen braucht einen neuen Namen, denn so oder so kann von „freier Bildung“ keine Rede mehr sein. Hoffen wir, dass die Mutation dieses Traumes bald ein Ende nimmt, denn sonst zahlt der Grundschüler bald neben dem bereits vorhandenen Lehrmittelgeld auch noch 500 Euro ABC-Schützen-Gebühr.

(Text: Kristin Heck)
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Über den Autor

Kristin Heck
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