Du bist hier: Home » Politik » International » Das gespaltene Land am Horn von Afrika

Das gespaltene Land am Horn von Afrika

Zur Geschichte Somalias

Die aktuelle Hungerkrise macht seit Wochen Schlagzeilen in den Medien. Dem Land geht es jedoch nicht erst seit gestern schlecht. Hunger, Leid und B√ľrgerkriege geh√∂ren schon seit mehr als einem Jahrzehnt zum Alltag der Somalier. Die Geschichte vom Land am Horn von Afrika.

Aus den Medien kennen wir Somalia als ein armes Land irgendwo in Afrika. Durch die Bilder der aktuellen Hungerkrise verst√§rkt sich nun der Fokus auf das Land am Horn von Afrika. Doch was wissen wir wirklich √ľber die Kultur und Struktur des Landes? Eine kleine R√ľckschau in die Geschichte Somalias.

Wie alle anderen afrikanischen Staaten blieb auch Somalia nicht von der Kolonisation verschont. England und Italien streiten um das damalige ‚ÄěSomaliland“. 1960 erreicht Somalia zwar die Unabh√§ngigkeit und kann neun Jahr lang ein mehr oder weniger demokratisches System aufrechterhalten. Die Konflikte und Wohlstandsunterschiede zwischen dem ehemals britischen Norden und dem italienischen S√ľden sind jedoch zu gro√ü. Der Versuch, die Demokratie zu halten, scheitert und die Clans k√∂nnen sich untereinander auf keine gemeinsame F√ľhrung einigen.

Das gr√∂√üte Fl√ľchtlingslager der Welt
Den H√∂hepunkt findet das Katz-und-Maus-Spiel 1991 mit dem Sturz von Dikatator Siad Barre. Dieser war verantwortlich f√ľr den Territoriums-Krieg mit √Ąthiopien 1977 und 1978 und f√ľhrte das Land nach sozialistischen Prinzipien – ganz im Sinne seiner Verb√ľndeten, der Sowjetunion.
Sein Sturz ist gleichzeitig die Eskalation des bis dahin vor sich hin schwelenden B√ľrgerkriegs – 50.000 Somalier, darunter haupts√§chlich der verantwortliche ‚ÄěIsaaq“-Clan, werden im Vergeltungsschlag ermordet und im Nachbarland √Ąthiopien entsteht das zeitweise gr√∂√üte Fl√ľchtlingslager der Welt. Seither kennt Somalia keine funktionierende Zentralregierung mehr – sondern nur noch den Machthunger der Clan-F√ľhrer.

Nicht Staat, sondern Clans herrschen
Mit der typisch afrikanischen Clan-Struktur gehen logischerweise Konflikte √ľber Ethik, Land und Zugeh√∂rigkeit einher: Manche Somalier leben als sesshafte Bauern, die Mehrheit jedoch zieht als Nomaden durch das Land. Das Wasser ist schon immer knapp, jeder erhebt Anspruch auf fruchtbares Land und es gibt keine einheitlichen Regeln, denen sich alle unterwerfen. Bei Konflikten √ľber Wasser- oder Weiderechte entscheidet kein Gericht, sondern das f√§llige Blutgeld. Hinzu kommen Korruption, Warlords mit Privatarmeen und Vetternwirtschaft. Schlechte Voraussetzungen also f√ľr ein friedliches Zusammenleben des einst gespaltenen Landes.

B√ľrgerkrieg und Hungersnot 1991

Diese schon immer existierenden Konflikte arten nach dem Sturz Barres aus. Die K√§mpfe und Pl√ľnderungen der Clans f√ľhren zu einer Hungersnot im Jahre 1991, vor allem im S√ľden Somalias. Ihr fallen sch√§tzungsweise bis zu einer halben Millionen Menschen zum Opfer. Auch damals werden die Medien auf die Krise aufmerksam und die UNO schickt Hilfe – mit der ‚ÄěUNOSOM“-Mission. Sie erreicht einen Waffenstillstand zwischen den Kriegsherren und sichert die Lieferung der Hilfsg√ľter.

Das Scheitern nimmt seinen Lauf
Der Einsatz soll sich jedoch sp√§ter als absoluter Super-GAU herausstellen. Die UNO ist mit der Situation √ľberfordert, also √ľbernehmen die USA das Ruder. Unter der F√ľhrung des amerikanischen Pr√§sidenten George W. Bush nimmt das Scheitern namens ‚ÄěUNITAF“ (Unified Task Force) seinen Lauf. Den US-Truppen gelingt es nicht, die Kriegsparteien zu entwaffnen. Stattdessen schlie√üen sie nutzlose Vertr√§ge mit einzelnen Clans, vergessen dabei allerdings den Rest der somalischen Bev√∂lkerung. Skandale von Menschenrechtsverletzungen durch die Truppen werden bekannt und den Befreiungsangriffen fallen erschreckend viele Zivilisten zum Opfer. Die Ablehnung gegen die angeblichen ‚ÄěRetter“ wird immer gr√∂√üer.

18 tote Amerikaner und ein Abzug
In der ‚ÄěSchlacht von Mogadischu“ fallen in der Hauptstadt im Oktober 1993 18 US-Soldaten und √ľber tausend Somalier. Die Leichen der Amerikaner werden von Somaliern demonstrativ durch die Stadt geschleift und gesch√§ndet. Dieses Ereignis wird zum Ende der Mission. Die Soldaten ziehen ab und hinterlassen einen Staat, der zerst√∂rter kaum sein k√∂nnte. Seitdem gilt Somalia als typisches Beispiel eines ‚Äěgescheiterten Staates“. Das Scheitern in Somalia zieht jedoch weitere erschreckende Konsequenzen hinter sich her: Als der V√∂lkermord in Ruanda und die Jugoslawienkriege ausbrechen, z√∂gert die internationale Gemeinschaft. Einen zweiten Somalia-GAU kann sich keiner erlauben. Dadurch finden jedoch Verbrechen statt, die durch ein schnelles Eingreifen verhindert werden h√§tten k√∂nnen.

Der Staat ohne Regierung
Die seither eingesetzte √úbergangsregierung in Somalia hat keine Kontrolle √ľber das Land. Wie schon zuvor sind B√ľrgerkriege, Hungersn√∂te und Fl√ľchtlingswellen keine Seltenheit. Die Bev√∂lkerung hat sich darauf eingestellt, ohne funktionierende Regierung auszukommen. Die Menschen zahlen keine Steuern und leben meist von illegalen Aktivit√§ten, wie dem Verkauf von Waffen und Medikamenten. Viele junge M√§nner bestreiten ihren Lebensunterhalt als K√§mpfer und mit Pl√ľnderungen. Das Land wurde sich selbst √ľberlassen. Was daraufhin folgte, machte erneut Schlagzeilen.

Illegaler Fischfang und Giftm√ľll
Der B√ľrgerkrieg von 1991 schaffte einen rechtlosen Raum. Daraufhin entwickelt sich schnell ein Kreislauf der Gewalt. Die fehlende √úberwachung der Hoheitsgew√§sser machen sich ausl√§ndische Fischer zum Vorteil – mit illegalem Fischfang. Sie √ľberfischen die Gew√§sser vor der K√ľste Somalias und zerst√∂ren somit die Lebensgrundlage der somalischen Fischer. Hinzu kommt die Vergiftung des Wassers durch ausl√§ndische Schiffe, die ihren Giftm√ľll dort entleeren. Tausende tote Fische werden an Land geschwemmt, die Somalier stehen vor dem endg√ľltigen wirtschaftlichen Ruin.

Piraterie vor der K√ľste Somalias
In ihrer Not beginnen sie, ihre Fanggr√ľnde vor Eindringlingen zu sch√ľtzen. Dabei erpressen sie zun√§chst ‚ÄěLizenzgeb√ľhren“ von den ausl√§ndischen Flotten. Wie sich diese Schutzma√ünahme weiterentwickelt, ist heute eines der gr√∂√üten Probleme der Internationalen Gemeinschaft: Die Piraterie. Nicht nur Fischerbooten, auch Passagierschiffe werden gekapert und erpresst. Somalia selbst kann die Piraten nicht vertreiben, also m√ľssen andere handeln.

Denn am Horn von Afrika f√ľhrt eine wichtige Seefahrt-Route zwischen Asien und Europa entlang. Daher kann es sich keiner leisten, unt√§tig zuzuschauen. Hier werden die internationalen Akteure wieder aktiv. Denn hier lohnt es sich, einzugreifen. Dass es jedoch erst so weit kam, da das Land vor mehr als einem Jahrzehnt im Stich gelassen wurde, wird ignoriert. Jetzt gehen wieder Bilder von tausenden hungernden Familien um die Welt. Auch das h√§tte durch richtiges Handeln verhindert werden k√∂nnen.

(Text: Julia Jung)
Download PDF  Artikel drucken (PDF)

Schreibe einen neuen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

√úber den Autor

Julia Jung
Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin English

Hauptberuflich ist Julia Weltenbummlerin, nebenberuflich studiert sie Politik. Wenn sie nicht gerade durch Australien, Neuseeland, S√ľdafrika oder Hongkong reist, schreibt sie ein paar Zeilen f√ľr back view und das schon seit 2009.

Anzahl der Artikel : 40

© back view e.V., 2007 - 2017

Scrolle zum Anfang