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Das Geschäft mit den Genpflanzen

Wie die Firma Monsanto die Agrarwirtschaft mit Gentechnologie überflutet

Wegen Hobby-Imker Karl-Heinz Bablok hat der Europäische Gerichtshof am 6.9.2011 die Gentechniker wiedermal in die Schranken gewiesen. Babloks Bienen sammelten Pollen von einem Nachbarfeld mit dem Genmais MON810, sodass der Honig kontaminiert war. Doch wer steckt hinter den manipulierten Samen? Wer forciert diese Gentechnik? Wer nach Antworten sucht, kommt an dem Unternehmen Monsanto nicht vorbei.


gentechnikMonsanto wurde als Chemikalienhersteller 1901 von John F. Queen gegründet, durch das Süßungsmittel Saccharin erlangte der US-Konzern schon 1903 Weltruhm. Als Marktführer in Chemie- und Pharmaprodukten entwickelte Monsanto ebenso Aspirin. Auch das Entlaubungsmittel Agent Orange, das vor allem rund um den Vietnam-Krieg für Tod und Verderb sorgte und heute noch für Folgeschäden verantwortlich ist, steht im Portfolio des Konzerns.

Kraken-ähnlicher Marktführer in Genforschung
Ende der 1970er Jahre widmete sich Monsanto der Genforschung an Pflanzen und avancierte auch hier schnell zum großen Player. Als die USA 1994 gentechnisch verändertes Saatgut zuließen, kannte Monsanto kein Halten mehr. 1998 scheiterte noch die Übernahme des Saatgutherstellers Delta & Pine Land, im selben Jahr aber wurde das internationale Saatgutgeschäft von Cargill und DeKalb Genetics Corporation für insgesamt 3,7 Milliarden Dollar einverleibt. 2005 folgten zunächst der Saatguthersteller Seminis für 1,4 Milliarden Dollar und dann das Unternehmen Emergent Genetics Inc, welches Saatgut für Baumwolle vertrieb.

Dies ist nur ein kleiner Auszug aus den Aktivitäten des expandierenden Konzerns, es folgten noch zahlreiche weitere Firmen. Monsanto entwickelte sich zu einem kraken-ähnlichen Marktführer, der sich jegliche Konkurrenz einverleibte und so die Premium-Stellung in den USA und später weltweit sicherte. Heute ist Monsanto mit einem Umsatz von zehn Milliarden Dollar und einem Gewinn von jährlich 1,1 Milliarden Dollar der größte Saatguthersteller der Welt.

Zwei Schlüsseltechnologien als Säulen
Das Unternehmen setzt dabei vor allem auf zwei Säulen: Monsanto besitzt Patente auf zwei Schlüsseltechnologien. Zum einen die sogenannte Bt-Technologie, die es Nutzpflanzen ermöglicht selbst ein bakterielles Gift zu produzieren, um so schädliche Insekten zu töten. Das Bakterium Bacillus thuringiensis wird der Pflanze dabei als Bt-Toxin-Gen eingepflanzt. So werden die Pflanzen gegen Schädlinge geschützt.
Als zweiten Pfeiler baut Monsanto auf die Roundup-Ready-Technologie. Dabei werden Pflanzen gegen das Breitbandherbizid Roundup immunisiert. Diese Roundup-Ready-Nutzpflanzen sind damit gegen Glyphosat, also den essentiellen Bestandteil von Roundup, resistent. Damit können die Felder mit dem Herbizid Roundup weitläufig besprüht werden, es stirbt alles ab, außer den von Monsanto immunisierten Roundup-Ready-Pflanzen.

gentechnik_textPatentrechte und Knebelverträge
Die Vermengung von Patenten und Gentechnik führte Monsanto an die Weltspitze. Durch die Patentierung von genetisch veränderten Nutzpflanzen liegen die Lizenzrechte weiterhin bei Monsanto. Schon 2005 kritisierte Greenpeace, dass Patente auf Leben nicht im Sinne der Gesellschaft wären und dass Natur und ihre Lebensformen keinen Konzernen gehören.

Die Landwirte werden mit günstigem genmanipulierten Saatgut (GVO-Saatgut) angelockt und in Knebelverträge gezwängt. Neben den Nutzpflanzen benötigen die Bauern selbstredend das Breitbandherbizid Roundup. Zudem untersagt ein fundamental einschneidender Passus im Vertrag den Landwirten, die Ernte als Saatgut zu verwenden – damit müssen die Kunden jedes Mal neues Saatgut bei Monsanto erwerben.
So werden die Landwirte in eine Abhängigkeit getrieben. Sollte das Saatgut einmal nicht die versprochenen Erträge bringen, ist jedwede Klage für die Landwirte verboten.

Monsantos Detektiv-Armada
Zudem unterliegen sie einer Schweigepflicht; kommt es zu Konflikten, dürfen die Landwirte nicht mit Dritten darüber reden. Um diese Aspekte jederzeit kontrollieren zu können, müssen sich die Bauern verpflichten, Monsantos Detektiven Zutritt zum Land zu gewähren – zu jeder Zeit.
Monsanto stellt dabei eine ganze Armada an Detektiven und Prüfern auf, die Abteilung zur Prüfung von Patentverletzungen umfasst 75 Mitarbeiter. Das jährliche Budget liegt bei circa zehn Millionen Dollar. Bis heute hat der Konzern 150 Verfahren gegen Bauern eröffnet, die sich den Patentrechten widersetzten.

Dabei geht es auch oftmals um eine angebliche Verwendung des genmanipulierten Saatguts ohne Vertragsabschluss mit Monsanto. So wurde der kanadische Canola-Raps-Farmer Percy Schneider verklagt, ohne dass er je Kunde bei Monsanto gewesen war. Seine Felder wurden wohl versehentlich von anderen GVO-Nutzpflanzen kontaminiert, verurteilt wurde er dennoch.

Studien offenbaren massive Umweltschäden
Wie sehr GVO-Saatgut jedoch die Umwelt verseuchen kann, zeigen neue Studien, die alarmierende Ergebnisse offenlegen. Ein internationales Team um Professor Andrés Carrasco, dem Leiter des Labors für Molekulare Embryologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Buenos Aires, zeigte, dass Glyphosat, die toxische Substanz in Roundup-Herbizid, eklatant mit Geburtsfehlern in Verbindung steht.
Bei Embryos von Fröschen und Hühnern werden so Missbildungen eingeleitet. Anlass für die Untersuchungen waren gehäufte Fälle von Missbildungen in der Nähe von Argentiniens Monsanto-Feldern. Menschen können analogen Geburtsfehlern ausgesetzt sein, wenn die Embryos Glyphosat ausgesetzt sind. 2002 wurde schon zwei Jahre mit Roundup herum gesprüht, da traten in Argentinien die ersten Geburtsfehler bei Menschen auf.

Doch auch die weitere Umwelt wird vom massiven Einsatz des GVO-Saatguts verunstaltet. Die Bt-Pflanzen, die durch die Manipulation selbständig ein Gift gegen Insekten produzieren, bewirken auf lange Dauer eine Resistenzbildung bei den Schädlingen. Diese sind nämlich dem ständigen Selektionsdruck ausgesetzt, weil die Bt-Pflanze – anders als herkömmliche Pestizidspritzungen – dauerhaft toxische Stoffe versprüht. Damit können sich die Insekten mit dem Laufe der Evolution an das Bakterium gewöhnen und eine Immunität entwickeln. Zudem wirkt das Gift nicht nur gegen Schädlinge, es werden vielmehr auch andere Insekten wie Schmetterlinge, Regenwürmer, Mücken und Asseln getötet.

Falsche Versprechungen
In Brasilien, Argentinien, Kolumbien und Mexiko findet Monsanto den Hauptabsatzmarkt für GVO-Mais und GVO-Soja – doch der Einsatz von Roundup erwirkt dort und auch anderswo eine Resistenzbildung. Die Schädlinge sterben durch die Herbizide nicht mehr ab, sodass noch mehr und vor allem neue Giftstoffe produziert und versprüht werden müssen. Die Bauern müssen dadurch noch mehr Geld investieren und die Natur schafft durch die Resistenzbildung Superunkräuter. Diese zu bekämpfen, erfordert noch mehr Gift und noch mehr Aufwand.
Ohnehin hinkt Monsanto seinen Versprechungen gegenüber den Landwirten meilenweit hinterher. In Indien, dem größten Absatzmarkt für Baumwolle, wurden 1500 Kilogramm Ernte pro Arce, also 0,4 Hektar, versprochen. Die Realität zeigt lediglich 400 bis 500 Kilogramm. Der dürreresistente Mais soll in Dürrejahren gut wachsen, in normalen Jahren hingegen schlecht, wie die Aktivistin Vandana Shiva in der taz Anfang September sagte.

Ein monumentales Experiment
Damit hat Monsantos Gentech-Politik sozial und ökologisch eklatante Folgen. Landwirte werden mit Dumpingpreisen oder Geschenken wie oftmals in Afrika gelockt und später durch Verträge und Preiserhöhungen in eine Abhängigkeit getrieben. Parallel entsteht eine fatale Wirkung für die Natur, die von GVO-Pflanzen und deren Pestiziden bedrängt wird. Langzeitstudien für den Verzehr von Genlebensmitteln existieren ohnehin nicht, die Welt ist dabei Teil eines monumentalen Experiments.

Weltmarktführer Monsanto wird bei seinem massiven Treiben begleitet von BASF, DuPont und auch Bayer. Monsanto entwickelt mit der Konkurrenz teilweise zusammen neue chemische Wirkstoffe und besitzt mit ihnen Verträge. Bayer aber rieb sich nach der Resistenzbildung gegen Roundup die Hände, sie wollten ein noch schädlicheres Pestizid auf den Markt werfen. Insgesamt dominiert Monsanto den GVO-Markt weltweit, lediglich im Bereich der Pestizide führt der US-Konzern das Ranking nicht an.

Aggressive Expansionspolitik

Um auf einen neuen Markt zu drängen, muss Monsanto teilweise nicht viel machen. In Brasilien schaute der Konzern lange untätig zu, wie Landwirte das GVO-Saatgut verbreiteten. Später schlug Monsanto zu und stellte das Saatgut rückwirkend in Rechnung. In Mexiko und auch Kanada wurden unbehandelte Felder derart von GVO-Feldern kontaminiert, dass fast keine reine Anbaufläche mehr existiert.
Auf Haiti zeigte sich der Saatgut-Riese als Wolf im Schafspelz.
Nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 schickte Monsanto massenhaft Saatgut in die Krisenregion. In Haiti wuchs der Widerstand gegen eine drohende Abhängigkeit von Monsanto, man plante die Verbrennung des Saatguts. Immerhin stand die nationale Selbstversorgung auf dem Spiel, kommt Monsanto ins Land, folgen auch Chemikalien und Folgeimporte, da das Saatgut nur einmal ausgesät werden kann.

Im internationalen Lobbybereich zeigt sich der Konzern ebenfalls aggressiv expandierend. Die USA sind die Hochburg der Monsanto-Lobby, dort wechseln Monsanto-Mitarbeiter in politische Ämter und wieder zurück. Die Labour Party in England hat dieselbe PR-Agentur wie der Gentech-Anführer.
Aus einer von wikileaks veröffentlichten Depesche geht hervor, wie der damalige US-Botschafter Craig Stapleton Ende 2007 der US-Regierung rät, Druck auf die EU auszuüben. Weite Teile der EU wehren sich noch gegen die Gentechnik-Pflanzen. Mithilfe von WTO und Weltbank soll eine Liberalisierung des Weltmarktes vorgenommen werden. Letzte Bastionen wie Deutschland, die sich weitestgehend ablehnend gegenüber GVO-Pflanzen zeigen, werden massiv unter Druck gesetzt.

Auch Deutschland betroffen
Als der damalige Verbraucherschutzminister Horst Seehofer 2007 dem Genmais in Deutschland eine Abfuhr erteilte, wurde die US-Botschaft schnell aktiv. Über Staatssekretär Gert Lindemann sollte Einfluss auf die deutsche Regierung genommen werden. Selbiges geschah, als Ilse Aigner 2009 als Bundeslandwirtschaftsministerin dieses Verbot noch einmal bekräftige. Hier handelte es sich schon um die Maissorte MON 810, die nun auch der Hobbyimker Karl-Heinz Bablok durch seine Bienen entdeckte. Der Genmais wurde damals testweise in Süddeutschland angebaut.
Durch Saatgutfirmen wie Monsanto und Konsorten geht eine natürliche Artenvielfalt verloren, es entstehen Monokulturen, die zudem noch umweltschädlich und giftig sind. Ressourcenschonung und Allgemeinverträglichkeit stehen nicht auf der Agenda der Gentechnik. Dabei würde eine nachhaltige Wirtschaft auch regionale Märkte wieder stärken können.

Heute wachsen auf circa 148 Millionen Hektar GVO-Pflanzen, das entspricht der sechsfachen Größe von Großbritannien und damit zehn Prozent der Gesamtanbaufläche. 90 Prozent aller angebauten Genpflanzen sollen von Monsanto stammen. Wer also nach Gentechnik und GVO-Pflanzen fragt, der kommt bei der Suche nach Antworten definitiv nicht an Monsanto vorbei.

(Text: Jerome Kirschbaum / Foto: Ernst Rose by pixelio.de)
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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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