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Dem Comic-Mythos auf der Spur

Kommentar: mein Besuch im Comicladen

Beinahe zufällig habe ich mich in einen Comicladen verirrt. Das Licht ist matt, die Unordnung unübersehbar und die Decke knallbunt mit ulkigen und verrückten Gestalten angemalt. Ich entdecke scheinbar verstaubte Vitrinen mit teuren Skulpturen und magischen Gegenständen die gelangweilt auf Käufer warten. Jeder erdenkliche Platz ist gefüllt mit bunten Heften, Kalendern, Brettspielen und Sammelfiguren. Auf der Spur ihrer großen Helden treiben sich mysteriöse Gestalten herum.

Als einzige Frau inmitten von merkwürdigen Freaks versuche ich zu verstehen, was hier vor sich geht. Der Verkäufer, ein junger Mann mit sichtlich vernachlässigtem Outfit und einem großen Orkkopf auf dem Shirt telefoniert, während er an seinem Computer hantiert und die beiden Jungs am Tresen warten lässt, die sich aufgeregt über die Neuauflage von The Walking Dead unterhalten. Als junges Mädchen hatte ich meine ersten Kontakte mit Micky Maus, später fielen mir einige Ausgaben von Sillage in die Hände, die ich immer wieder gerne durchgeblättert habe. Dabei wurde mir einmal gesagt, dass ich lieber etwas Anständiges lesen, und nicht meine Zeit mit diesen Schund verschwenden soll. Wahrscheinlich hat sich das eingebrannt. Denn seither habe ich nie wieder Comics gelesen.

comics mythosDoch, wenn ich schon einmal hier bin, will ich auch wissen, was hinter diesem Vorurteil steckt. Immerhin trägt der Comic bereits seine Bilder in der Geschichte mit, während die „gute“ Literatur die Fantasie der Leser erst dort hinbringen muss. Ich lasse mir Zeit und lese mich in verschiedene Ausgaben rein, die mal farbig und mal schwarz-weiß daherkommen. Schon sehr bald erliege ich der fesselnden Bildsprache und stelle fest, dass diese Literaturform weit mehr, als triviale Inhalte bietet und nichts mit Komik zu tun hat, wie man es vermuten könnte. Ich stoße bei der Suche sogar auf unterrichtstaugliches Material, wie Tim und Struppi oder die Tote Sprache, die Interessierten Latein näher bringt.

Nebenbei befrage ich das World Wide Web und finde heraus, wie normale Comics zu Graphic Novels geworden sind, die mit dieser neuen Bezeichnung leichter in die modernen Buchläden einziehen konnten und ein erwachsenes Publikum erreichen wollten. Letztlich bleibt es ein Marketinggag. Die
Comics sind sich selbst treu geblieben und protzen seit vielen Jahrzehnten mit einer Fülle an Themen.

Doch warum haben die Comics diesen schlechten Ruf und werden angeblich nur von Männern gelesen, die angeblich heimlich kurz vor Ladenschluss durch die Straßen schleichen, damit sie im Schutz der Dunkelheit nicht gesehen werden? Liegt es an den Comichelden, die für das Gute kämpfen, wie Batman, Captain America, Flash, Hulk, Longshort, Supermann, und wie sie alle heißen? In der Szene ist bekannt, dass Superwoman trotz ihres phänomenalen Durchhaltevermögens in den vergangenen Jahrzehnten den männlichen Mitstreitern kaum das Wasser reichen konnte – zumindest was die Verkaufszahlen angeht.

Ich dränge mich zwischen die Jungs und wende mich mit der Frage an den Verkäufer, die klären soll, ob es entsprechend meiner Vermutung nur männliche Zeichner gibt. Er richtet seine Brille, bevor er den Computer bemüht und mir antwortet. Wir stellen gemeinsam fest, dass es kaum Autorinnen und Zeichnerinnen gibt. Die Comicindustrie scheint also in männlicher Hand zu liegen.

Unser Gespräch verläuft fast familiär und er sagt, dass sich alle hier Duzen. Daraufhin begleitet mich Hendrik überaus sympathisch durch die Geschichte der Comics. Auch die beiden Kunden, die schnell wie enge Freunde wirken, helfen bei der Suche. Gemeinsam finden wir heraus, dass in den Fünfzigern über 50% der Leser Frauen waren. Je erfolgreicher schließlich die Superhelden wurden, und sich immer mehr der Action zuwandten, desto stärker kippte das Verhältnis. Die Branche konzentrierte sich auf eine männliche Leserschaft, bei der Frauen oft als Sexobjekte und Opfer degradiert wurden. In den westlichen Ländern ist dieses Schema auch heute noch stark verbreitet. Nun will ich von Hendrik wissen, ob ich seine einzige Kundin bin, und erfahre, dass die Zahl der Käuferinnen in den vergangenen Jahren stets gestiegen ist. Doch die Mädels, so wie er sie nennt, kaufen Mangas, die Burschen eher den klassischen Comic.

Er klärt mich über den minimalen Unterschied zwischen Comic, Manga und Manhwa auf und zeigt mir seine Manga-Ecke. Nun bin ich im Bilde, dass es in Japan eine gigantische Auswahl an Heften gibt und eine entsprechende Kundschaft dazu. Bezeichnend für die Variation der uns bekannten Comics,
sind die großen Augen, die oft kindlichen Figuren und der Verzicht auf farbige Zeichnungen.

Aber zurück zum Geschlechterverhältnis. Ich erinnere mich an die vergangenen Besuche auf den Buchmessen. Wie bei der gängigen Literatur konnte ich in den Bereichen mit den Comics enormen weiblichen Andrang feststellen. Die Beteiligung der Cosplayer, also der verkleideten Leute, die Figuren aus Mangas und Comics nachstellten, lag bei den Frauen sogar deutlich höher. Und davon gab es in der Jahressumme über 15.000 verkleidete Fans. Das ist durchaus eine stattliche Zahl, die schließlich nur die Spitze des Comic-Eisbergs darstellt.

Die Frauen erobern also den Markt zurück. Sicherlich nicht zuletzt, weil die Branche händeringend neue Kunden braucht. Aber sicher auch, wegen der vielen Geschichten, die gehaltvoller geworden sind und auf Emotionen und einen guten Zeichenstil setzen.

Während des Besuchs bei Hendrik habe ich mich in diese literarische Form verliebt. Ich suche mir die Story des tapferen Mädchens Michirus in Gothic Angel aus, die ihr Liebesglück scheinbar nur mit Ruka finden kann, und lege das Buch zum Bezahlen auf den Tresen. Spontan sagt Hendrik, dass er diese Reihe, wie die meisten seiner angebotenen Mangas nur an Frauen verkauft. Toll, denke ich mir, und der Mythos bröckelt an allen Ecken und Kanten. Jetzt bin ich mir sicher, dass die Geschichten mit ihren wunderschönen Bildern, nicht die Fantasy vernichten, sondern den Anstoß dafür geben, uns in neue Welten zu entführen, genau wie es Buchstaben gelingt, Bilder in unseren Köpfen zum Leben zu erwecken. Comics sind ein soziales Erlebnis und gehören zu unserer Kultur. Er ist längst gesellschaftsfähig und bietet darüber hinaus eine wunderbare, kreative und bunte Fangemeinde. Als ich schließlich den kleinen Laden verlasse und noch einmal zurück sehe, wurden aus Freaks ganz normale Leute, und aus der dunklen Grotte, ein helles freundliches Geschäft mit wunderbaren Werken der Literatur.

Für heute Abend freue ich mich jedenfalls auf guten Lesestoff, falls nicht ein realer Superheld meinen Weg kreuzt, der mich auf Händen in unser gemeinsames Abenteuer entführt.

Eure Amy

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Über den Autor

Amy Graham
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