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Check the bag!

Über die Erfahrungen einer USA-Reisenden
tt_back_viewreise_teaserDie erste Diagnose lautet: Wahnsinn, Sicherheitswahnsinn. Doch bei einem Besuch der SchauplĂ€tze von 9/11 verĂ€ndert sich die Perspektive – Die erste Sicherheitskontrolle ĂŒberstehe ich souverĂ€n. Ich lege meine Jacke ab, ziehe den GĂŒrtel aus, nehme meine MĂŒtze vom Kopf und lasse meinen Rucksack durchleuchten. Mit einem LĂ€cheln auf den Lippen. No problem.

Eine Stunde spĂ€ter folgt die zweite. Wieder ziehe ich meine Jacke aus, muss den GĂŒrtel ablegen, die MĂŒtze abnehmen. Dieses Mal soll ich auch den Schal vom Hals wickeln und meine FĂŒĂŸe freilegen. Das Kleingeld muss ich aus den Hosentaschen kramen, Kamera und Handy aus dem Rucksack fischen. Dann gehe ich. Es piept und ich muss zurĂŒck. Also noch einmal, wieder piept es. Ich werde abgetastet, kein Ergebnis, ich darf weiter.

Am Capitol wiederholen sich die Szenen, außerdem ist das Mitbringen von Essen und Trinken untersagt. Ein RĂŒpel in Uniform brĂŒllt uns seine Regeln entgegen und schĂŒchtert uns ein mit Drohungen wie „WeÂŽll find everything“. Wir mĂŒssen an einem MĂŒllcontainer vorbei, bereits halbvoll mit Broten, Keksen, GetrĂ€nkeflaschen, Jogurtbechern und Obst. Anschließend zum Weißen Haus. Als ich nach einem Sicherheitscheck das Besucherzentrum betrete und nach einer FĂŒhrung frage – die vor den AnschlĂ€gen von 9/11 problemlos möglich war – werde ich von der Dame am Schalter ausgelacht. Sie erklĂ€rt mir, dass ich mit der deutschen Botschaft Kontakt aufnehmen hĂ€tte mĂŒssen, ihr meinen Besuchswunsch offiziell hĂ€tte mitteilen mĂŒssen und die deutsche Botschaft dann fĂŒr mich – vielleicht – eine FĂŒhrung hĂ€tte organisieren können. Aber das ist nur sechs Monate im Voraus möglich, mindestens.

reise_text2Meine nĂ€chste Station ist das Pentagon, genauer: das Pentagon Memorial. Die Bilder der brennenden ZwillingstĂŒrme in New York hat jeder noch im Kopf. Dass aber am selben Tag ein Flugzeug in das Verteidigungsministerium flog und das vierte der Terroristen-Flotte in Pennsylvania abstĂŒrzte, ist Vielen nur noch vage bewusst. Hier, wo ich jetzt stehe, krachte der American Airline Flug 77 um 9:37 Uhr in den Abschnitt eins des Pentagons. Hier starben 189 Menschen: 53 Passagiere, sechs Crewmitglieder, fĂŒnf EntfĂŒhrer und 125 Mitarbeiter des Pentagons. Heute ist nichts mehr von der Katastrophe zu sehen. Die AußenwĂ€nde tragen keine Zeichen der Zerstörung. Nur das Memorial zeugt vom Ereignis, mit 184 undefinierbaren Steindingern. Erst zu Hause lese ich, dass es BĂ€nke sein sollen. 184 BĂ€nke fĂŒr 189 Menschen, die hier starben. Nicht allen soll unsere Erinnerung gelten. Die fĂŒnf EntfĂŒhrer des Flugzeuges wurden ausgeklammert, sie sind unerwĂŒnscht.

Vielleicht verstehe ich auch deshalb die Symbolik nicht. All die abweisenden „BĂ€nke“, streng chronologisch nach den Geburtsjahren der Verstorbenen geordnet, darunter kleine Wasserbassins und dazwischen achtzig AhornbĂ€ume. Doch sie wurden gerade erst gepflanzt und sind noch mickrig. Dem Ort können sie kein schwergewichtiges Aussehen verleihen. Die verstreuten BĂ€nke verlieren sich auf dem großen Areal. Jede Bank ein Toter. Schwer vorstellbar. Zu schwer.

Keine Überfahrt ohne Begutachtung
Über Philadelphia und fĂŒnf Sicherheitskontrollen nach New York, gleich zur Statue of Liberty. Doch bei der „Freiheit“ ist nichts zu bemerken von Freiheit. Niemand darf nach Liberty Island ĂŒbersetzen, der nicht eine Kontrolle hinter sich gebracht hat. Es ist schneidend kalt, trotzdem muss sich jeder vor dĂŒrftigen Heizstrahlern ausziehen: MĂŒtze ab, Schal weg, Jacke aus, Handschuhe ebenso, GĂŒrtel abschnallen, Hosentaschen leeren, Schuhe ausziehen, RucksĂ€cke durchleuchten und dann selbst durch den Detektor. Auf der Insel wartet die nĂ€chste Kontrolle. Wieder muss ich meine WinterausrĂŒstung ausziehen und meine Hosentaschen leeren. Und dann werde ich unter einer Sprengstoff-SchnĂŒffel-Maschine platziert. Von beiden Seiten blasen mich WinddĂŒsen an. HĂ€tte ich eine sensible Frisur, sie wĂ€re jetzt zerstört.

Unfassbar, dieser Irrsinn. Noch unfassbarer: Meine Mitmenschen vollziehen die Prozedur mit einem geradezu heiligen Ernst, einer trĂ€gen SelbstverstĂ€ndlichkeit. Niemand fragt nach der Sinnigkeit. Niemanden interessiert, dass wir alle als mutmaßliche Terroristen abgestempelt werden, dass unsere Bewegungsfreiheit sinkt, dass wir Stunden in der Warteschlange verbringen. Niemand fragt nach der Angst, die geschĂŒrt wird.

Nachmittags stehe ich vor dem Krater, in dem einst das World Trade Center stand. Hier wird alles anders, alles. GegenĂŒber der viel zu großen Baugrube befindet sich das WTC Visitor Center. Es erinnert an den Tag, an dem die ZwillingstĂŒrme zum letzten Mal unverwĂŒstlich schienen. Morgens um 8:46 Uhr begann das Unglaubliche: der American-Airlines-Flug AA 11 kollidierte mit dem Nordturm. Da die EntscheidungstrĂ€ger zu diesem Zeitpunkt noch mit einem Unfall rechneten, wurden die Angestellten des Nachbarturms aufgefordert, Ruhe zu bewahren und an ihren ArbeitsplĂ€tzen zu bleiben. 17 Minuten spĂ€ter erwies sich diese Ansage als verheerend: Zielgenau explodierte die zweite Maschine im SĂŒdturm. Zwei Stunden danach standen beide nicht mehr. New York hatte fast 3000 Einwohner weniger. Schon vor sieben Jahren haben mich die Bilder aus dem Fernsehen mitgenommen. Doch jetzt stehe ich dort, wo alles geschah. Hier trennen mich kein Bildschirm und kein Ozean mehr. Hier kratzt der Anblick die Seele.
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Auch die Ausstellung schont keinen Besucher. Die WĂ€nde hĂ€ngen voll von Fotos mit lachenden Menschen. Bild an Bild, ĂŒber- und untereinander. Junge Menschen, alte, dicke, dĂŒnne, hĂŒbsche, hĂ€ssliche, sympathische und unsympathische, dunkelhĂ€utige, Weiße, Asiaten, sommersprossig, tĂ€towiert oder mit Schnauzbart, im Anzug oder mit Shorts, Menschen mit Kindern auf dem Arm, beim Sport, im Urlaub, bei der Arbeit. Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Nur eines eint sie: sie alle verloren in den TĂŒrmen ihr Leben. Im nĂ€chsten Raum tapezieren Vermisstenanzeigen eine Wand. GegenĂŒber zerborstene Flugzeugfenster, zerfetzte Feuerwehrkleidung, Stahlteile, verbogene Löffel, eine CafĂ©rechnung, ein demoliertes Handy, eine zerrissene Sporttasche. Alles Dinge, die aus den TrĂŒmmern gezogen wurden. Unter ihnen ist auch ein Stoffschaf aus dem 78. Stock. Der einzige Überlebende dieser Etage. „How could you survive?“, steht auf einem Zettel neben ihm, „and all the others not?“ Schutt und Asche. Eine Zerstörung, die ich mir nicht vorstellen kann. Die nicht wahr zu sein scheint. Eine VerwĂŒstung. Zum ersten Mal verstehe ich, dass die US-Amerikaner von „Krieg“ sprechen.

Neben den Fotos hĂ€ngen Kinderzeichnungen, Mitleidsbekundungen aus aller Welt, Augenzeugenberichte und letzte Nachrichten von Menschen, die nicht entkommen konnten. Auch die Liebesbotschaft von Andy ist mit großen Buchstaben an die Wand geschrieben. Andy, der in einem der Flugzeuge saß und seine Frau anrief. Der ihr mitteilte, dass seine Maschine entfĂŒhrt wurde. Dass er das Beste hoffe, aber die Lage ernst sei. Dass er sie liebe und sie auf seinen Anruf hoffen und beten solle. Aber Andy rief nicht an, nie wieder. Kein Gebet nutzte. Ich stelle mir vor, ich sei die Frau, die nun zu Hause sitzt, hilflos, und das Telefon anstarrt. Die Minuten verrinnen und es klingelt nicht. Mit jeder Sekunde, die verstreicht, wird ein Anruf unwahrscheinlicher. Und sie verstreichen, die Sekunden. Gnadenlos. Weiter und weiter. Und er, der Geliebte, ruft nicht an. Eine Welt wĂŒrde fĂŒr mich einstĂŒrzen, grĂ¶ĂŸer und mĂ€chtiger, als es je ein Turm gewesen ist. Wie gut, dass in jedem Raum Kleenex-Packungen stehen. Meine TrĂ€nen sind in guter Gesellschaft.

Auf einer langen Pinnwand hĂ€ngen Zettel mit den EindrĂŒcken und Erinnerungen von Besuchern. Eine Hinterbliebene schrieb in sauberer Handschrift: „April 24 2008: 6 years, 8 month, 13 days, and tears are still shed. What now?“ Ja, was jetzt? FĂŒr manche steht das Leben immer noch still. Niemand kann ersetzen, was sie verloren haben. „The loss will be more than any of us can bear“, so BĂŒrgermeister Rudy Giuliani. Aber sie mussten es ertragen. Irgendwie. Und sie reagierten. Die Welt war anders als zuvor. Die Unbeschwertheit war vorbei. Sicherheit wurde zum Leitmotiv. Jetzt verstehe ich. Ich hĂ€tte genauso gehandelt.

reise_text2Über die bleibenden Erinnerung
Einige lĂ€chelnd ertragene Sicherheitschecks spĂ€ter bin ich wieder auf dem Heimweg. Im Flieger sitzt ein Mann neben mir, Martin. Wir reden ĂŒber New York. Und dann fragt er mich unvermittelt, ob ich auch „nine-eleven“ gesehen hĂ€tte. Fragt es, und eine Geschichte bricht aus ihm heraus, seine Geschichte. Er erzĂ€hlt von seinem BĂŒrogebĂ€ude, das in der NĂ€he stand. Von seinem Arbeitsplatz, der im 38. Stock lag – mit Blick auf das World Trade Center. Berichtet, wie er sah, wie das zweite Flugzeug den Wolkenkratzer traf. Stammelt, wie er nach einer Stunde in sich zusammenfiel. Ihm fehlen die Worte, immer noch. Wo die Sprache versagt, reden seine HĂ€nde. Gestikulieren und versuchen, das Undenkbare auszudrĂŒcken. Selbst Jahre spĂ€ter ist er ĂŒberwĂ€ltigt. Kann nicht fassen, was er sah. Die Menschen, die aus den obersten Stockwerken sprangen. Die riesigen TĂŒrme, diese massive Festung, die sich in Schutt verwandelten.

Eine kurze Pause, dann verengen sich seine Augen. „I hate them“ – er meint die Araber, ausnahmslos alle. Und PrĂ€sident Bush, den verehre er. Weil er auf die Terroristen Jagd mache. Am Liebsten wĂŒrde er selbst alle umbringen. „Animals“ nennt er sie, „Tiere“. Gerne wĂŒrde ich zum VerstĂ€ndnis aufrufen. Aber wie kĂ€me ich dazu? Den Einsturz, den er sehen musste, kann ich mir nicht einmal vorstellen. Die Tonnen von Stahl, das Feuer, das Beben, die ErschĂŒtterungen, das Wissen um all die Menschen. Auch Martin kannte einen Kollegen, den er gerade im World Trade Center vermutete. Einen Kollegen, den er nie wieder sah.

Martin stellt die Frage nach dem Sinn. Nein, er stellt sie nicht, er schreit die Sinnlosigkeit heraus. So viele „Innocents“ sterben zu lassen, so viele Unschuldige! So viele Jahre, aber der Hass, der Schrecken, die Unfassbarkeit stecken noch tief in ihm. Er erzĂ€hlt von AlbtrĂ€umen, die ihm im ersten Jahr nach den AnschlĂ€gen fast jede Nacht heimsuchten. Immer noch kommen sie, nicht hĂ€ufig, aber immer wieder. Kurz darauf schlummert er ein. Wer weiß, was er gerade sieht.

(Text und Fotos: Steffi Geihs)
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