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Chatten und Zwinkern

Über die Veränderung unserer Kommunikation durchs Internet

Das Internet hat es doch tatsächlich geschafft, unser ganzes Leben zu beeinflussen. Die Kommunikation ist zwar nur ein Aspekt, der durch das Internet einem starken Wandel unterliegt – aber ein sehr wichtiger. Es verändert unsere Art, miteinander zu kommunizieren immer massiver.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Tag bei meiner neuen Werkstudentenstelle. Es war ein großes Büro, ich wurde vorgestellt, musste kräftig Hände schütteln. „Hallo, ich bin der Siggi“, sagte der Herr mittleren Alters im karierten Hemd. Er grinste breit, so, dass der Schnauzer fast seine Ohren berührte. Das war unsere erste Begegnung.

thomas wittmann jugendfotosImmer erreichbar sein
Siggi ist ein Arbeitskollege, deswegen kommunizieren wir eigentlich nur über Email. Ab und an unterhalten wir uns in der Kantine sogar persönlich. Dann erzählt er von seiner Familie, seiner fröhlichen Jugend und seinem abgöttischem Traum, nach Ägypten zu reisen. Es gibt Tage, da sitzen wir nur eine Stuhlreihe auseinander, aber es scheint, als sei das Großraumbüro nicht der richtige Ort, um einen Schritt auf den anderen zuzugehen.

Wir schreiben uns. „Kannst du mal eben bitte…?“ lautet meist der Anfang seiner Nachrichten. Manchmal wünschte ich, Siggi würde mir alle Arbeitsanweisungen für die nächste Woche auf einen Zettel zusammenschreiben und diesen auf meiner Tastatur liegen lassen. Dann wenigstens würde ich nicht abertausende Mails mit einzelnen Aufträgen bekommen, von denen ich an meinem freien Wochenende eigentlich gar nichts mitbekommen möchte. Aber durch das Internet bin ich eben ununterbrochen erreichbar – so scheint es.

Wann ist das Ende eines Gesprächs erreicht?
Während der Arbeit habe ich mein Smartphone nicht mehr auf meinem Schreibtisch liegen. Wie sehr es mich ablenkte, auf allen Kanälen sofort reagieren zu müssen. Meine Freunde schreiben mir nicht mehr per SMS, sondern per Facebook, Whatsapp, Skype. Sie können mitverfolgen, ob ich ihre Nachricht gelesen habe und erhalten ganz nebenbei einen Grund, auf mich sauer zu sein, wenn ich nicht innerhalb der nächsten Minuten antworte.

Wenn ich mal wieder auf die Bahn warten muss, scrolle ich mich hin und wieder durch alte Gesprächsverläufe. Mit meinem guten Freund Dennis kommuniziere ich täglich via Whatsapp. Immer wieder muss ich dann feststellen, dass unsere Gespräche nur durch die Datumsangabe unterteilt werden. Wie ein kleiner Zwischentitel taucht der 03. Juni 2013 irgendwo unauffällig mitten in unserer Diskussion auf. Der Rest erweist sich als ein Hin und Her zwischen Phrasen, mal ganzen Sätzen, kleinen Affen-Icons oder auch einzelnen Wörtern. Aber unser Gespräch findet nie ein Anfang oder Ende.

Kommunikation ist zu einem offenen System geworden, das überall stattfindet und nie ein Ende findet.

Wir kommunizieren nicht mehr in abgeschlossenen Räumen, sondern torkeln den ganzen lieben Tag durch eine Flut von Nachrichten, die nie abebbt. Alle Gespräche verlaufen nur noch in Chatform. Es gibt keinen Text mehr, der auf wenige Zeichen beschränkt ist, mit einem „Wie geht’s Dir?“ beginnt und einem „Bis bald“ endet. Es gibt immer noch eine weitere unbeantwortete Frage, noch ein Satzzeichen, das – da kostenlos – gesendet wird, Fotos, die man den anderen zeigen könnte oder ein einfaches „Guten Morgen“ nebenbei. Kommunikation ist zu einem offenen System geworden, die ständig und überall stattfindet. Und nie ein Ende findet.

Alles mitbekommen – oder eben nicht
Zwei Wochen vor meinem Geburtstag schicke ich eine Veranstaltungseinladung an Dennis und meine anderen Freunde auf Facebook heraus. Die Hälfte sagt noch am selben Tag ab oder zu – klar, ich gehe davon aus, dass jeder täglich alle seine Kommunikationskanäle checkt. Mit Entsetzen stelle ich dann einen Tag vor dem Ereignis fest, dass ich Lisa vergessen habe, die seit drei Jahren nicht mehr bei dem sozialen Netzwerk angemeldet ist und demzufolge seit drei Jahren von mir keine Geburtstagseinladung mehr erhalten hat. Ich habe sie schlicht vergessen, und das nur, weil ich meine Feier online kommuniziert habe.

Nicht vergessen aber habe ich Carlos aus Südamerika und Linn aus Texas. Nicht nur, weil immer wieder ein Kästchen bei mir aufblinkt, wenn sich einer der beiden auf Skype angemeldet hat. Ich weiß so viel über ihr Leben, und das, obwohl ich die beiden seit meiner Reise vor vier Jahren nicht mehr persönlich gesehen habe. „Do you have a new boyfriend?“ kommentiere ich das hochgeladene Foto von Linn mit Mann im Bild. Noch nie war es so einfach wie heute, im Leben der anderen teilzunehmen, ohne wirklich dabei zu sein. Noch nie war es so einfach, mit so vielen Leuten gleichzeitig auf der ganzen Welt Kontakt zu halten.

Schneller, weiter, effektiver
Ich verschicke Bewerbungen nur noch als PDF-Datei, benutze meinen Drucker nur im äußersten Notfall, schreibe und telefoniere kostenlos, plane den Junggesellenabschied meiner Freundin im Netz und habe manchmal beim Kaffeeklatsch mit Kathi gar nichts Neues mehr zu erzählen, weil ich ihr sowieso alles direkt über mein Smartphone mitteile. So vieles ist einfacher, unkomplizierter, billiger geworden. Die Kommunikation via Internet geht schneller, sie ist effektiver und optimiert jegliche Prozesse.

Wir, die Digital Natives, haben uns daran gewöhnt, ständig erreichbar zu sein und alles mitzubekommen. Wir, die ihre ersten Versuche mit der Internetkommunikation in Foren, ICQ und mit den Kürzeln „lol“ und „rofl“ machten; wir empfinden es als normal, Abkürzungen zu verwenden, zwinkernde Smileys einzubauen, mit wenigen Klicks viele Menschen zu erreichen und innerhalb kurzer Zeit eine Antwort zu erhalten. Ob wir das wollen oder nicht.

Mittlerweile schreibt mir Siggi übrigens sehr häufig Emails, aber auch hier hat er das Grinsen nicht vergessen. Er findet immer wieder einen Grund, um einen Smiley an einer der Textstellen zu platzieren. Meistens ist es ein zwinkender Smiley. Persönlich zwinkert mir Siggi von seinem Bürostuhl aus nie zu, aber in jeder Mail tut er dies. Er zwinkert.

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Kommentar zur niedrigen Toleranzschwäche von Germanisten
Sinn und Unsinn von Mitleidsbekundungen auf Facebook
Ein Blick auf die Jugendsprache.

(Text: Christina Hubmann / Foto: Thomas Wittmann by jugendfotos.de)
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Kommentare (1)

  • Tom

    Tom

    Der Artikel gefällt mir sehr gut. 🙂 Der Text ist derartig geschrieben, dass er wirklich zum Nachdenken anregt. Liest sich sehr gut, da das Ende noch einmal auf den Anfang verweist.

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Über den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nämlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit Längerem - erfolglos.

Anzahl der Artikel : 55

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