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Bye Bye Facebook und Co.

24 Stunden auf Internet-Entzug

In einer Welt, die ohne Internet schon lange nicht mehr auskommt, hat back view-Mitarbeiterin Melanie Schwalbe den Selbstversuch gewagt: Wie √ľbersteht man einen ganzen Tag ohne Google und Facebook, ohne E-Mails, ohne auch nur einen einzigen Blick ins World Wide Web?


Die hundertste Spam-Mail, die mir nackte Frauen aus der Nachbarschaft verspricht – warum bekomme ich eigentlich keine Angebote von M√§nnern? Das tausendste Facebook-Posting von Max, der der Welt unbedingt mitteilen muss, dass er gleich ein St√ľck Schokolade essen wird. Und der gef√ľhlt millionste Link zu einem Video, das angeblich so lustig sein soll, wie noch keines vor ihm und wie alle anderen, die noch kommen werden. Schluss jetzt, sage ich mir, und verordne mir selbst einen Entzug: 24 Stunden kein Internet.

Gleich am n√§chsten Tag soll es losgehen. Es ist neun Uhr, mein Wecker klingelt und automatisch greife ich zu meinem Smartphone. Ja, ich habe ein Smartphone. Das bedeutet, dass das Internet mein st√§ndiger Begleiter ist und ich mit nur einer Ber√ľhrung auf den Bildschirm Teil des World Wide Webs werde. Das macht es nicht leicht, diesen Gef√§hrten einfach mal zu ignorieren. Den Freund stellt man ja auch nicht einfach in irgendeiner Ecke ab. Na gut, vielleicht, wenn er mal nervt.

Kein Abschluss ohne Internet
An einem normalen Tag rufe ich also schon morgens meine E-Mails ab. Schließlich muss ich wissen, ob das Seminar in der Uni vielleicht doch ausfällt oder, ob ich noch einen Text ausdrucken muss. Aber heute ist kein normaler Tag, heute ist internetfrei.
Ich werde also erst vom Seminarausfall erfahren, wenn ich in einem leeren Raum sitze oder ich werde als Einzige den Text nicht haben. Der Dozent wird mich aus dem Seminar werfen, ich darf die Seminararbeit nicht mitschreiben und schließlich bekomme ich keinen Abschluss. Und warum? Nur, weil ich heute nicht im Internet sein konnte!

Ich stehe auf und √ľberlege, wann mein Zug heute f√§hrt. Es stellt sich mir die Frage, wie man so etwas auf herk√∂mmliche Art und Weise erfahren k√∂nnte. Bei der Bahn anrufen? Geht nicht, ohne Telefonnummer aus dem Internet. Vielleicht w√§re es ja eine gute Idee, mir einfach mal zu merken, wann der Zug f√§hrt. Verr√ľckt, aber effektiv.

Das Smartphone als Orientierungshilfe

Nach dem Seminar – zu dem ich trotz Internetsperre tats√§chlich p√ľnktlich mit dem richtigen Zug gekommen bin und es dann tats√§chlich auch stattfand – mache ich mich auf den Weg zu meinem Lieblingsm√∂belhaus. Da mein Orientierungssinn und ich uns noch nie kennengelernt haben, gebe ich f√ľr gew√∂hnlich alle Adressen in meine Smartphone-Karten ein. Ja, auch die, die ich eigentlich im Schlaf finden m√ľsste.
Man k√∂nnte mich auf einem Weg aussetzen, auf dem ich nur geradeaus laufen m√ľsste und ich w√ľrde unter Garantie abbiegen. Aber heute wage ich das Experiment und versuche das Gesch√§ft zu finden. Dabei f√§llt mir auf, dass Werbeschilder mit Richtungspfeilen eine gute Erfindung sind. Man folgt ihnen einfach und irgendwann kommt man doch noch am Ziel an und das ganz ohne Fu√üg√§ngernavi.

Nach meinem Einkauf sitze ich im Zug nach Hause und √ľberlege, wie ich die Zeit √ľberbr√ľcke. Zu lesen, was meine 243 engsten Freunde gerade machen, ist heute nicht erlaubt. Also nehme ich ein Buch zur Hand, das ich vor Wochen mal angefangen habe zu lesen, dem ich bisher aber immer wieder irgendwelche Internetseiten vorgezogen habe. Positiver Nebeneffekt: Ich wirke klug.
ohne internet text
Ein Abend außerhalb des Netzes
Zu Hause angekommen, bereite ich ein Referat vor. Es ist erstaunlich, wie schnell ich heute vorankomme. Wenn man nebenbei nicht minutenlang im Internet auf allen möglichen Seiten surft, weil die Motivation gerade mit der Vernunft im Urlaub ist, konzentriert man sich nur auf das Wesentliche.
Nur leider geht auch die Referatsvorbereitung nicht ohne Google. Ich brauche eine Information √ľber Zielgruppen verschiedener Zeitungen und muss deren Beschaffung wohl auf den n√§chsten Tag verlegen. Wie haben unsere Eltern eigentlich studiert? Ganz ohne Internet als Recherchequelle?

Abends schreibt mir meine Freundin Nadine in einer SMS, dass sie mit mir chatten will. Ich erkl√§re ihr, dass ich heute komplett vom Internet Abstand halte und sie fragt mich entsetzt, ob das jetzt wirklich mein Ernst sei. Daraufhin √ľberlegen wir uns eine L√∂sung des Problems. Wie sollen wir jetzt erfahren, wie der Tag des Anderen war? Wie sollen wir die Ereignisse auswerten? Wie sollen wir jetzt kommunizieren? Ich sehe in meine Hand und mir f√§llt etwas auf: ein Handy! Ich werde sie einfach anrufen.

Back to the Roots
Nach dem Telefonat fasse ich den Entschluss den Leuten, denen ich sonst eine E-Mail schreibe, einfach mal einen Brief zu schicken. Wer hat sich als Kind nicht gefreut, wenn im Briefkasten wieder ein Umschlag lag? Briefpapier, Tinte, echte Handschrift. Das gibt es heute viel zu selten.

Ich gehe ins Bett und beende damit mein Experiment. Ich habe gelernt, dass es m√∂glich ist, ohne Internet auszukommen. Wir haben uns nur viel zu sehr an all die Annehmlichkeiten gew√∂hnt, die es uns bietet. Trotzdem bin ich froh, gleich morgen fr√ľh wieder meine Mails abrufen zu k√∂nnen. Schlie√ülich handeln nicht alle von Nachbarinnen, die eine Abneigung gegen Textilien haben. Und auch die Information, dass Max jetzt gleich ein St√ľck Schokolade essen wird, habe ich irgendwie vermisst.

(Text: Melanie Schwalbe / Foto: Claudia Hautumm by pixelio.de)
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