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Brauchen wir ein Outing?

Nach dem anonymen Interview mit dem homosexuellen Fußballer
homophobie
Angela Merkel bekräftigte dieser Tage, was Mario Gomez schon vor knapp zwei Jahren gesagt hatte. Beide ermunterten homosexuelle Fußballspieler zu einem Outing, die Grundlagen dafür seien geschaffen. Sie widersprechen damit den geäußerten Ängsten des anonymen Fußballers in dem  Interview mit dem Fluter. Brauchen wir aber überhaupt ein Outing?

Es ist das perfekte Timing, das Interview wurde in der Woche vor dem Integrativen Spieltag der Bundesliga veröffentlicht. Homosexualität gilt immer noch als eines der großen Problemthemen, auch wenn Angela Merkel auf der Vorstellung des Integrations-Spieltages in Richtung des anonymen Spieler verlauten ließ: „Er lebt in einem Land, in dem er sich vor einem Outing nicht fürchten muss. Wir können nur das Signal geben, dass er keine Angst haben muss.“

Auch Uli Hoeneß stößt ins selbe Horn, wenn er meint, dass die Gesellschaft „gut vorbereitet“ sei und er nicht glaube, dass ein homosexueller Spieler Probleme mit den FCB-Fans bekäme. Sowohl DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wie auch Liga-Boss Reinhard Rauball sicherten dem Profi jegliche Hilfe des DFB und der DFL zu.

Merkel spricht davon, dass er sich nicht fürchten müsse, doch genau diese Furcht treibt den Kicker um, wie er dem Fluter berichtete: „Ich wäre nicht mehr sicher, wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme.“ Weiter noch befürchtet er ein mediales Durchdrehen: „Die Geschichten, Titelseiten und Magazine. Alle würden gerne rausfinden, was ich wohl Schlimmes mit meinem Partner unter der Bettdecke anstelle. Wer beim super-männlichen Fußballspieler wohl unten und wer oben liegt. Da gibt es vieles!“

homophobieHomophobie gibt es immer noch
Könnten tatsächlich nach einem Outing derartige Probleme auftreten – in einer Gesellschaft, die sich einer immensen Freiheit und Liberalität rühmt? Ist eine homosexuelle Partnerschaft nicht normal inzwischen? Für die CDU wohl kaum, wie die Querelen um das Ehegatten-Splitting zeigten, wonach die Union dafür plädierte, homosexuelle Partnerschaften nicht steuerlich gleichzustellen.

Wer im Stadion immer noch homophobe Daueräußerungen wie „Du schwule Sau“ oder „Tucke“ oder dergleichen hört, der wird sich auch so seine Gedanken machen. Dass hoffentlich keine schwulen Spieler mit im italienischen EM-Kader seien, das hoffte Antonio Cassano – er wurde dafür weder bestraft noch wirklich öffentlich gerügt.

Es bleiben also definitive Restzweifel, die nicht so einfach Merkel-mäßig beiseite zu wischen sind. Die Gesellschaft giert nach einem Outing, doch warum? Wer bei Google den Namen Phillip Lahm eingibt, der erhält von der Suchmaschine die automatische Komplettierung „schwul“. So läuft das bei den meisten deutschen Nationalspielern. Bettina Wulff würde dabei der Angstschweiß auf der Stirn stehen und sie würde wohl bis nach den Haag ziehen.

Basisarbeit statt Outing
Wenn die Gesellschaft derart auf eine große Schlagzeile pocht, dann heißt dies bei weitem nicht, dass sie bereit ist. Es ist ohnehin umstritten, ob ein Outing die Situation verbessern und die Homophobie verringern würde. Der eine Kicker würde im Fokus stehen und ausgeschlachtet werden, eine substantielle Auseinandersetzung wäre dann wohl ad absurdum geführt.

Viel wichtiger scheint daher eher die Basisarbeit im kleinen und großen Umfeld. Die Aufklärung muss schon im Jugendfußball beginnen und darf beim DFB nicht enden. Der Fußballbund hat in den letzten Jahren oftmals gute Arbeit geleistet, die dann teilweise jedoch durch unbedachte Äußerungen und Handeln mit dem Hintern wieder eingerissen wurde.

Die Arbeit der homosexuellen Fanklubs, die Akzeptanz von Sportveranstaltungen wie den Gay Games oder auch der Gay Soccer-WM sollten wichtigere Positionen einnehmen als ein Outing, das im Endeffekt nur den medialen Trieb befriedigen würde. Die Basisarbeit ist weitaus zielführender als ein Outing je sein könnte.

 

(Text: Jerome Kirschbaum / Foto: FARE network by flickr.com)
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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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