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Bonbonbuntes Düstermär

Kinoecke: Jugendfilm „Lollipop Monster“
„Lollipop Monster“ zeigt die Freundschaft der 15-jährigen Mädchen Ari und Oola mit allem, was dazugehört: Bewunderung, Eifersucht, füreinander da sein, Trauer, Selbstbehauptung. Der Film zelebriert in gewollt künstlicher Optik düster gegrölte Musik, schwarz umrandete Augen und die Unsicherheit des Erwachsenwerdens.


So verschieden sind sie eigentlich nicht, die bonbonbunte Ari und die düster-schwarze Oola. Beide stehen auf die Voodoo-Gothic-Band „Tier“, sind im gleichen Alter und finden in ihren Familien keinen Halt. Bei Oola ist die Hölle los, seit sie ihre Mutter mit Lukas, dem Bruder ihres Vaters, beim Sex im Auto erwischte. Am nächsten Tag hängt ihr Vater tot im Baum. Von ihrer Mutter ist kein Verständnis zu erwarten – „Gerade jetzt brauchen wir Lukas mehr denn je“, sagt sie im Versuch, Oola zu trösten. „Wenn er nicht gewesen wäre, würden wir ihn gar nicht brauchen“  ist alles, was sie als Antwort bekommt.Aris Familie sieht auf den ersten Blick glücklicher aus: kleiner Garten, buntes Chaos, vor dem Essen fassen sich alle an den Händen und sagen „Piep, piep, piep…“. Die festgefahrenen Rituale werden nur von den seltsamen, plötzlichen Krampfanfällen des Bruders gestört – und dadurch, dass Ari bald kein Kind mehr ist, obwohl ihre Mutter so tut, als merke sie es nicht. Von ihren Eltern wird Ari kein Weg ins Erwachsenwerden gezeigt, denn sie sind unfähig, ihrem Kind Grenzen zu setzen. Als die Fünfzehnjährige voller Entschlossenheit ihre Kuscheltiere verbannt und die bonbonrosa Wände mit Nachtschwarz überstreicht, schaut der Vater ins Zimmer. „Aha“, sagt er nur. „Du jetzt also auch. Schwarz. Cool.“

Und so muss Ari selbst ihre Grenzen testen – beim Sex mit älteren Männern etwa. Dumm nur, dass die Nachwuchs-Lolita auch etwas mit Lukas anfängt, Oolas verhasstem Onkel. Als Oola das herausfindet, spricht sie kein Wort mehr mit ihrer ehemals besten Freundin, und Ari merkt plötzlich, was es heißt, allein zu sein. Um die Freundschaft zu retten, sehen die zwei Mädchen schließlich nur noch einen Ausweg.

„Lollipop Monster“ ist das Regiedebüt von Comiczeichnerin Ziska Riemann. Die Graphik-Erfahrung ist dem Film anzumerken – die Bilder sind sehr bewusst komponiert und die Lolitas wirken puppenhaft gestylt. Leider bleiben durch die starke Bildgestaltung die Figuren künstlich und etwas unnatürlich. Auch die Geschichte wird durch surreale Szenen und Musikvideos durchbrochen, die die Stimmung der Mädchen widerspiegeln. Es entsteht jedoch der Eindruck, dass die Szenen vor allem dazu dienen, alle Bildgestaltungsideen der Regisseurin in den Film einzufügen.

Fazit: Ein deutscher Film mit gestylten Bildern, das gibt’s nicht oft. Allein deshalb ist er schon sehenswert – wer allerdings ein einfühlsames Jugendportrait aus der Gothic-Szene erwartet, hat in dem Film nichts verloren. „Lollipop Monster“ ist vorlaut, sexy, brutal und quietschbunt-schwarz.

3 von 5 Sternen

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Lollipop Monster, Deutschland 2006, ab 16, seit dem 25. August in den Kinos.

(Text: Anna Franz)


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Über den Autor

Anna Franz
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