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Autonomes Fahren gegen Zeitfresser und Umweltsünden

Kolumne “Der ganz normale Wahnsinn”

Mobilität, Lebensqualität und Freiheit sind Eigenschaften, die gerne mit dem Auto in Verbindung gebracht werden. Doch nahezu niemand bemerkt, wie viel Lebenszeit für die Investition und Instandhaltung dieser Selbstbestimmung benötigt wird. Denn das Auto verbraucht davon in den meisten Fällen mehr, als es einspart.

Ganz normale Wahnsinn

Wer zur Gesellschaft gehören will, dem bleibt oft nichts anderes übrig, als zu investieren. Oftmals in ein Auto, das gleich ein paar Prestigepunkte mit sich bringt, selbst wenn die Anschaffung den eigenen Geldbeutel deutlich übersteigt. Der Nutzwert bleibt bei einer Kaufentscheidung im Hintergrund. Es geht um irrationale Wünsche, die erfüllt werden, welche nicht selten von gut gemachter Werbung generiert wurden. Schließlich können mit einem schicken Auto Leute beeindruckt werden, die man nicht kennt oder die niemand leiden kann. Aber halt. Diese Charaktereigenschaft gilt vorwiegend für die Deutschen. Fast überall auf der Welt wird das Auto als Nutzgegenstand gesehen und darf sogar Dellen oder rostige Stellen besitzen, ohne dass der Eigentümer eine mittelschwere Herzattacke erleidet. Für den Deutschen ist das ein no-way! Der Sonntagmorgen in der Kirche wurde längst gegen die Waschanlage an der Tanke eingetauscht, und das Gesellschaftsspiel mit den Kindern gegen die Erlebnistour im eigenen Fahrzeug.

Deutschland ist der größte Autohersteller weltweit. Wir lieben unsere Autos. Statista.com gibt über 800.000 Beschäftigte in der Automobilindustrie an. Dazu kommen weitere Branchen in unmittelbarer Nähe zum Auto, wie der Tankwart oder der Lieferfahrer für die Autowerkstatt. Somit arbeiten über fünf Prozent aller Deutschen in diesem Bereich.

Seit Jahren sind deutsche Motoren ausgereift, das Design der Autos ist zeitgemäß und die Preise haben sich weltweit durchgesetzt. Doch die Brache verändert sich. Der komplizierte Aufbau eines Benzinmotors wird über kurz oder lang von einem deutlich anspruchsloseren Elektromotor ersetzt, der leicht in China in einer Hintergasse produziert werden kann.

Google, Ford, General Motors, Waymo und Tesla entwickeln seit Jahren an der alternativen Technologie und werden VW und Daimler abhängen, wenn diese nicht von alten Gewohnheiten ablassen. Denn mehr als ein paar Prototypen haben die einheimischen Firmen auf den wichtigen Automessen bisher nicht gezeigt. Damit aber nicht genug. Die Zukunft wird neben dem umweltfreundlichen Elektroauto ein autonomes, also völlig selbstfahrendes Fahrzeug hervorbringen. Zu schnelles Fahren wird bei ausgereifter Technik genauso unmöglich, wie Auffahrunfälle oder pures Falschparken. Autofahren wird sicher und entspannt.

Vielleicht übernimmt der Autopilot diesen Job bereits in zehn Jahren, womit sich einiges in unserem Leben verändern wird. Da ein privat genutztes Auto die meiste Zeit auf irgendwelchen Parkplätzen herum steht, Geld kostet und Platz beansprucht, könnte Carsharing den eigenen Besitz rasch verdrängen. Beim flächendeckenden Carsharing würde sich die Anzahl der Autos um bis zu 90 Prozent verringern, ohne dass jemand auf seine Fahrt verzichten müsste. Das bietet enorme Vorteile und verbannt Verkehrsstaus von der Straße in historische Bücher.

Die Deutschen verbringen im Durchschnitt 38 Stunden pro Jahr im Stau und 30 Monate ihres Lebens gar im Auto. Die aufgewendete Zeit für Kosten und unmittelbaren Wege, die mit dem eigenen Auto zu tun haben, beträgt bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 75 Jahren fast 9 volle Jahre, was etwa 12% unserer Zeit auf Erden entspricht. Vielleicht sollten wir anfangen umzudenken, oder die Zeit im Auto sinnvoll nutzen. Das autonome Auto gibt uns jedenfalls einen Teil der Zeit zurück, in der wir ein gutes Buch lesen, einen Vortrag ansehen oder die eigentliche Arbeit erledigen können. Ebenso ließen sich die Hektik und die Geschwindigkeit der Gesellschaft etwas reduzieren. Weiterhin verhilft das autonome Fahren Blinden und behinderten Menschen zur selbstbestimmten Mobilität. Nebenbei verbrauchen wir weniger Ressourcen, was wiederum die Umwelt schont und die Hauptursachen für Wirtschaftskriege beseitigt.

Ich freue mich jedenfalls auf die Zukunft der Autos, auch wenn es viele Punkte gibt, die im Vorfeld geklärt werden sollten, wenn Monopole entstehen, Massenüberwachung ausgebaut wird und Arbeitsplätze wegfallen. Die Werbeindustrie und die Versicherungen müssen sich neu orientieren, Fahrschulen werden überflüssig und die Kommunen brauchen neue Einnahmequellen, da der Bußgeldkatalog im Straßenverkehr nicht mehr beansprucht wird. Allerdings werden sich neue Möglichkeiten der Manipulationen auftun und die sich daraus ergebenden Gefahren. Wie so oft in der Vergangenheit wird die Politik beim technischen Fortschritt den Kopf in den Sand stecken und darauf hoffen, dass alles bleibt, wie es immer war, um anschließend hektisch zu reagieren, wenn das Kind im Brunnen liegt. Die Produkte von Tesla oder der Google-Tochter stehen dann vor unseren Haustüren und prägen das Bild der Städte und Straßen. Und plötzlich halten wir uns verwundert und mit großen Augen die Hände vor den Mund und merken, dass Deutschland keine Rolle mehr auf dem Weltmarkt für Autos spielt. Aber vielleicht täusche ich mich, und die Zukunft beschert uns ein entspanntes Leben, in dem wir die ganze Welt umarmen wollen und sie mit einem deutschen Auto umrunden: mobil und in Gedanken frei

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Über den Autor

Amy Graham
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