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Aus Stadtoase wird Luxusquartier

Gentrifizierung am Mainzer Zollhafen

Mainz ZollhafenMainz ist nicht Hamburg mit seinem Hafen – oder Amsterdam mit seinen zahllosen Grachten. Aber der Mainz Zollhafen ist ein St√ľck Gro√üstadtromantik. Er ist eine kleine st√§dtische Oase, ein Sammelpunkt – vor allem im Sommer. Und bald eine Baustelle.

F√ľr jeden gibt es in seiner Stadt einen Ort, der irgendwie besonders ist. Einen Ort, an dem man sich im Sommer mit Freunden trifft, ganze Tage und N√§chte verbringt. Einen, an dem man zum Nachdenken geht und, mit dem man viele sch√∂ne Erinnerungen verbindet. Solch ein Ort ist der Mainzer Zollhafen.

Doch diesen will die Stadt nun zu einem neuen Stadtquartier umbauen. Auf 30 Hektar Fl√§che sollen hochwertige Wohnr√§ume und B√ľrofl√§chen sowie hochwertige Gastronomie entstehen. ‚ÄěEine faszinierende Mischung aus Wohn-, Kultur- und Gewerbefl√§chen“ hei√üt es auf der Planungswebsite der Stadtwerke Mainz. Zusammen mit dem Mainzer Winterhafen soll sich die Bausumme auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen.

Kein bezahlbarer Wohnraum
Mit geplanten Grachten, einem Yachthafen und einer Flaniermeile wirkt das Stadtprojekt wie ein St√ľck Utopie. Im Imagevideo wird es als gr√∂√ütes Stadtentwicklungsprojekt der ganzen Rhein-Main-Region angepriesen. 1.400 Wohnungen sollen in den Stadth√§usern auf den f√ľnf Hafeninseln entstehen. Statt einer Garage haben die H√§user direkt am Wasser an einen Anlegeplatz f√ľr Boote.In direkter N√§he gibt es ein ‚ÄěWeinerlebniszentrum“. Daf√ľr wurde bereits der denkmalgesch√ľtzte Weinlager saniert. Das l√§ngliche Backsteingeb√§ude wird denn auch Zentrum der Anlage und von weitem sichtbares Aush√§ngeschild des Zollhafens direkt am Hafenbecken.

Dabei w√ľnschen sich die meisten etwas Anderes von dem Areal. Bezahlbarer Wohnraum und Raum f√ľr Kultur – das sind die Forderungen. Das ist kein spezifisches Problem der Stadt, wie nicht nur die renovierenden Gorillas in M√ľnchen zeigen. Dennoch nimmt die Protestkultur gegen diese Punkte in Mainz neue Ausma√üe an, der im vergangenen Sommer in einer Hausbesetzung gipfelte.

Luxus statt Lieblingsplatz
Der Kern des Ansto√ües ist dabei der geplante Luxus. Denn die neuen Wohnungen kommen nicht dem Otto Normalverbraucher zugute. Das luxuri√∂se Wohnen direkt am Wasser kostet. Die Mainzer Presse berichtet von Quadratmeterpreisen zwischen 2700 Euro und mehr als 5000 Euro ‚Äěin Spitzenlagen“.

Mainz Zollhafen

Das l√∂st nicht die Knappheit bezahlbarer Wohnungen in Mainz, sondern verschlimmert sie nur noch. Im angrenzenden Neustadtviertel werden sch√§tzungsweise nach und nach die Mietpreise erh√∂ht – und sich damit auf die attraktiv bebaute Nachbarschaft bezogen. Nicht nur f√ľr die circa 40.000 Mainzer Studenten ist dann die Wohnsituation nahezu unertr√§glich. Auch die angek√ľndigten 4.000 Arbeitspl√§tze, die auf dem Gel√§nde geschaffen werden sollen, √§ndern daran wenig.

Die Kultur muss zur√ľckstecken
Momentan ist der Zollhafen vor allem Kulturst√§tte und f√ľllt,wenn auch auf kommerzielle Weise, gefragte L√ľcke aus. K√ľnstler wie Joe Cocker und Clueso spielten auf der Nordmole des Zollhafens gro√üe Freilichtkonzerte im Sommer. Elton John und Cro kommen und Sting gibt sein einziges Deutschordensland an diesem Konzertplatz in der Stadt am Rein. So wird die Nordmole voraussichtlich nur bis 2016 weitergenutzt – bis die Bebauung der Wohnviertel begonnen soll.

F√ľr die Kultur werden zwar gro√üe Pl√§ne geschmiedet, zum Beispiel f√ľr einen Neubau der Stadtbibliothek. Und es wird vor allem mit der bereits 2008 errichteten Kunsthalle argumentiert. Ob aber innovative, noch nicht etablierte Kulturinitiativen in den Rahmen von Wohnungen mit Bootsanlegepl√§tzen und gehobener Gastronomie passen, bleibt mehr als fraglich. Der Charme, den das Zollhafenareal inne hat, geht jedenfalls verloren.

Eine Hoffnung ist das jetzt ausgeschriebene Projekt zum ‚ÄěIdeenwettbewerb f√ľr tempor√§re Gastronomie“ am Rheinufer. Die Stadtwerke wollen an der Nordmole w√§hrend der Sommerzeit einen Kulturbiergarten einrichten. Dann g√§be es wieder die M√∂glichkeit, lauschige N√§chte mit Freunden am sommerlichen Rheinufer zu verbringen. Ein solches Projekt wird allerdings dem aktuellen Stand nach nur vor√ľbergehend realisiert werden. Nur solange bis die letzten Bagger am Zollhafen anrollen.

(Text und Fotos: Julia Radgen)

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√úber den Autor

Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten √ľber Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-s√ľchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival f√§hrt. Wenn sie gro√ü ist, will Julia mal Journalistin werden.

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