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Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner

Die Psychologie des Nachbarschaftsstreits

Einen Streit bricht man selten ohne Grund „vom Zaun“. In der Nachbarschaft kommt es immer häufiger dazu, dass aus ein paar kleinen Unstimmigkeiten ein handfester Konflikt entsteht. Warum das vorprogrammiert ist und wie man solche Auseinandersetzungen beheben kann, zeigt back view.


Mal ist es der kläffende Hund, der auf der Suche nach seinem Knochen schon diverse Beete umgegraben hat, mal das Fahrrad im gemeinsamen Hausflur, oder die Tochter, die mit wenig Erfolg versucht, Geige zu spielen. Irgendwie schafft der Nachbar es immer, uns zur Weißglut zu treiben. Doch warum?

Wer in einem mehrstöckigen Wohnblock oder einer Doppelhaushälfte wohnt, der lebt sozusagen „Tür an Tür“ mit seinen Nachbarn. Das führt zu sozialem Stress, wie er auch bei Tieren auftreten kann. Er bewirkt, dass wir leichter zu Aggressionen neigen und gereizt sind, weil wir auf engem Raum gemeinsam leben. Da fällt es manchmal schwer, sich mit den Marotten des anderen zu arrangieren.

Hinzu kommt, dass auch Nachbarn grundverschieden sein können. Der eine hört gerne Klassik, der andere Black Metal – die einen haben ein quengelndes Kind und der nächste feiert exzessiv. Da hilft nur eines: den gemeinsamen Konsens finden, um die Situation nicht zu verschärfen.

Nicht ohne Grund bauen einige einen Zaun um ihren Garten und provozieren somit gleich den nächsten Konflikt. Es geht um die Wahrung der eigenen Sicherheit, der eigenen Freiheit, des eigenen Eigentums. Allerdings signalisiert diese kleine Geste auch: Hier zieht jemand eine Grenze wie zwischen zwei Landstrichen.

Wie auch im großen Stil kämpfen diese zwei Seiten dann mal um die Wasserquelle, mal um die Grundstücksgröße, mal um Lärmbelästigungen, mal um diese oder jene Berechtigung.

Doch, wer im Streit zweier direkt benachbarter Parteien, einen kühlen Kopf bewahren kann, ist klar im Vorteil. Denn niemand verhandelt gerne mit einem Choleriker. Stattdessen kann man sich auch unter Nachbarn um die notwendige Diplomatie bemühen, selbst, wenn man offensichtlich provoziert wurde.

Was auch immer geschehen ist: Wer an sein Ziel kommen möchte, sollte nicht in die Offensive gehen und den nächsten Anwalt aufsuchen. Manchmal hilft schon ein Gespräch, um die Gemüter wieder zu beruhigen. Wenn erst einmal klar gestellt wurde, dass keine bösen Absichten vorlagen, kann sich die Lage augenblicklich entspannen.

So nah und sich doch so fern: Zwei Nachbarn, die Tür an Tür leben, könnten ihre Energien auf viel Effektiveres konzentrieren, wenn sie schon einmal nebeneinander wohnen. Zum Beispiel eine Initiative starten, den Hausflur gemeinsam zu verschönern, oder die Beete des anderen zu gießen, wenn derjenige im Urlaub ist.
In diesem Fall hat manch einer dann die lang ersehnte Gelegenheit, das feindliche Territorium zu inspizieren und für nicht so gefährlich wie gedacht zu befinden. Denn, wenn man das Gras des Nachbarn mäht, sieht das eigene ja vielleicht doch plötzlich grüner aus.

(Text: Ronja Heintzsch)
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Über den Autor

Ronja Heintzsch
Ressortleiterin Kultur

Konstruktive Kritik in bitterscharfen Kommentaren üben, die Welt bereisen, auf aktuelle Problematiken hinweisen - all dies sind Gründe, aus denen Ronja beschloss, sich dem Metier Journalismus zu verpflichten. Schließlich gibt es noch einige unaufgedeckte Watergate-Affären in dieser Welt.

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