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Auf den Spuren Charlie Chaplins

Mit Schirm, Charme und Mandolinen (Teil 3)

Betroffener einer Jahrhunderte langen, blutigen Geschichte – Irlands Kriege gegen die Protestanten sind vorüber. In den Köpfen herrscht Frieden. Ein Volk, das historisch oft als Verlierer galt, ist heute ein Gewinner. Das Land, das sogar weltbekannte Prominente anzieht, ist eine kleine Insel mit einem großen Namen.

In Reiseführern finde ich ständig Worte: Irland lohnt sich überall. Da bleibt jedem Touristen die einzige Möglichkeit, in seinen zwei Wochen Urlaub mit seiner Familie ein Auto zu mieten, um das ganze Land von Dublin bis Galway und von Belfast bis Cork, zu erleben. Doch es lockt nicht nur reisende Amerikaner, die ihre irischen Wurzeln erforschen wollen oder Deutsche, die sich unendlich in die Landschaft verliebt haben. Für weltbekannte VIP’s, wie Tom Cruise, Julia Roberts oder Mick Jagger, ist der grüne Zipfel Europas sogar ein idyllischer Zweitwohnsitz geworden.

Auf dem berühmtesten Ring der Welt
Ich bin natürlich hier, um mehr vom Ring of Kerry zu sehen. Schließlich führt er direkt an meinem Hostel vorbei. Er ist die vielleicht bekannteste Küstenstraße überhaupt. Mit 179 Kilometern gibt es fast überall Stellen, an denen man anhalten und die Landschaft genießen oderP1040275 historische Bauwerke bestaunen kann. Egal ob Nationalpark, Gebirge oder die hohen Klippen an der Küste. Und jede Stadt, durch die man fährt, hat ihren eigenen Charme. So auch Waterville, das kleine Fischerparadies an der Bellinskelligs Bay, mit Blick auf den Atlantischen Ozean. Dieser gewöhnliche Name, der in englischsprachigen Ländern wahrscheinlich hunderte Male existiert, erzählt im Südwesten Irlands seine eigenen Geschichten. Waterville setzt sich gerade mal aus einer Hauptstraße zusammen, die sich zwischen farbigen Häusermustern und den Wellen des Ozeans zieht. Es war der erste Touristenort, der an der Küste von Kerry entstand und ist heute eine Hochburg für Golfspieler. Ich erreiche den Ort an einem regnerischen frühen Nachmittag. Ich erwarte Ron, einen israelischen Couchsurfer, den ich ein paar Tage zuvor in Killarney getroffen habe. Dieser ist nun auf dem Ring mit dem Fahrrad unterwegs, und weil ich schon da bin, laufe ich durch die Ortschaft. Dabei entdecke ich die Gestalt eines kleinen Mannes mit einem schwarzen Anzug. Sein unverkennbarer schwarzer Hut und die Mimik im Gesicht lassen Filme in meinem Kopf entstehen. Filme in schwarz-weiß, mit Musik im Off, mit Bildern im Zeitraffer, die über Jahre die verschiedenen Generationen unterhalten haben. Er befindet sich auf der linken Seite der Straße. Auf einer Hauswand, riesig gemalt: Charlie Chaplin.

Fischerdorf begeistert Komiker
Geboren in London, verbindet die Filmikone viel mit Irland. Im Jahr 1959 machte Charlie mit seiner Familie Urlaub im Südwesten Irlands. Sie fuhren mit ihrem Auto durch Waterville, als dieses plötzlich eine Panne hatte. Sie suchten Hilfe in einem Herberge und mussten einige Tage in dem verschlafenden Örtchen bleiben. Familie Chaplin war von der Landschaft so verzaubert, dass sie anschließend jedes Jahr hierher kam. Heute steht eine Statue von Charlie im Zentrum, im Hintergrund der weite Ozean, es gibt einen Charlie Chaplin Walk, sowie einen Charlie Chaplin-Shop, in dem die freundliche Verkäuferin mir über das Charlie Chaplin Comedy Film Festival im August erzählt. Seit 2011 findet es statt. Hier werden nicht nur Filme präsentiert, sondern es findet ebenso ein Wettkampf zwischen internationalen Komödianten statt. Außerdem ist in diesem Jahr geplant, einen Umzug von mehreren hundert Menschen durchzuführen: alle in Charlie Chaplins Anzügen. Das Ziel: ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Das reizt mich sehr, denke ich und behalte mir den Festivaltermin vom 22.-25 August im Hinterkopf.
Ich laufe mit Ron durchs Dorf. Wir erzählen vom Tag. Kurz vor der Abenddämmerung trennen sich unsere Wege wieder. Ich fahre nach Killarney zurück. Er bleibt eine Nacht in Waterville, bevor er gen Norden weiterreist. Uns beiden bleibt dieser kleine Schimmer am Ring of Kerry wohl in Erinnerung.

 

Wetten, bis das Pferd kommtWetten, bis das Pferd kommt
Sport wird in Irland groß geschrieben. Das habe ich schnell gemerkt. Für die Iren ist es mehr als ein Spiel mit Regeln. Es ist ein soziales Gut, das so sehr in ihren Köpfen verankert ist, dass sie sich nicht leichter mit ihren Teams identifizieren können. Hurling, das schnellste Ballspiel der Welt oder Gaelic Football, eine Mischung aus Rugby, Basketball und Fußball, sind dabei die traditionellen Sportarten. Doch auch Pferderennen sind sehr populär im Land. Und so habe ich die Gelegenheit mit ein paar Kollegen zu einem Rennen in Killarney zu gehen. Zwölf Euro Studentenrabatt kostet mich der Eintritt, dann geht es auf die Tribüne, wo ich mir ein Guinness gönne, während ich den Technikern beim Aufbauen der Wettstände zusehe. Im Hintergrund befindet sich die wunderbare Kulisse des Nationalparks, welche einen perfekten Standort für diesen Kurs darbietet. Eigentlich ist es ein Golfplatz. Doch im Sommer wird er regelmäßig zu einer Pferderennbahn transformiert. Die gesamte Länge der Strecke schätze ich auf zwei Meilen. Ich bin beeindruckt.
Die Besuchermengen vergrößern sich. Das erWetten, bis das Pferd kommt"3ste Rennen startet bald. Es sollen sechs weitere im halbstündigen Abstand folgen. Mal mit acht, mal mit 15 Pferden. Ich verlasse die Tribüne und laufe an die Bahn heran. Die ersten Reiter treffen ein und begeben sich zum Start, der auf der anderen Seite des Kurses ist, sodass die Besucher diesen vergrößert auf einer Leinwand sehen müssen. Der Favorit ist die Nummer 5, ein kleineres aber sehr durchtrainiertes Pferd. Irgendwann erfolgt ein Knall und die Pferde stürmen los. In ungefähr fünf bis zehn Minuten geben die Reiter alles. Das Tempo ist hoch, die Abstände zu knapp, um sicher sagen zu können, wer gewinnt. In den letzten hundert Metern kann es passieren, dass ein Pferd von hinten immens aufholt. Doch der Favorit macht das Rennen für sich.
Alle, die auf die Nummer 5 gewettet haben, laufen nun mit ihrem Ticket zurück zu den Wettständen und lassen ihren Einsatz in mindestens doppelter Höhe auszahlen. Das ist ja einfach, denke ich mir und wette bei den zwei nächsten Rennen mit. Doch ich verliere vier Euro. Mit einem Lächeln im Gesicht mache ich mir bewusst, dass es für einen Laien eigentlich nur Glück bedeutet, aufs richtige Pferd zu setzen. So reduziere ich meine Teilname aufs Fotografieren der Reiter, von Nahem, direkt an der Bahn, während sie an mir vorbei düsen. Es ist ein großartiges Event. Wer in Irland ist, wird feststellen, dass der Sport mit Tieren nirgendwo anders ein größeres Statussymbol hat.

(Text und Fotos: Tom Pascheka)

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Über den Autor

Tom Pascheka
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