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Wie Atatürk zum Vater der Türkei wurde

Auf dem Weg in die Moderne

Jedes Jahr am 9. November um neun Uhr fünf steht das Land zwischen Asien und Europa für eine Minute still. An diesem Tag gedenken die Türken Mustafa Kemal, besser bekannt als Atatürk. Seine Visionen und Projekte veränderten, modernisierten und prägen das Land bis heute. Sie schufen eine Brücke zwischen Europa und der osmanischen Welt. Diese Brücke wollen wir gemeinsam betreten.

Neue Medizin für den kranken Mann vom Bosporus

„Ne mutlu Türkiye diyene“ ; – Wie glücklich der, der sich Türke nenen darf. So lautet der Wahlspruch der modernen Türkei. Doch als Mustafa Kemal 1881 im griechischen Thessaloniki geboren wurde, existierte so etwas wie die Türkei noch nicht. Heute hingegen gibt es das Geburtshaus des Staatsgründers gleich zweimal zu besuchen; einmal in Griechenland und einmal in Ankara, der Hauptstadt der Türkei.

Um die Jahrhundertwende jedoch war ein Konzept von Staatsbürgerschaft weitgehend unbekannt. Charakteristisch für das osmanische Reich waren unklare Grenzen und eine Vielzahl von Völkern. Diese verwalteten sich größtenteils selbst, das osmanische Herrscherhaus diente lediglich als eine Art Dachorganisation. Nichtmuslimische Einwohner des Großreiches genossen als Schutzbefohlene (dimmi) das Recht auf freie Religionsausübung und eine eigene Gerichtsbarkeit, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Allerdings waren die Strukturen des osmanischen Reiches nicht auf das moderne Zeitalter vorbereitet. Aufstrebende Kolonialmächte wie Frankreich und Großbritannien nutzten die christlichen Minderheiten als Vorwand, um ihren Einfluss in der Region zu stärken. Vermeintlich als Schutzmacht für sie agierend gelang es ihnen Kapitulationen, also Sonderrechte zu erwirken. Aus der einstigen stolzen Großmacht wurde der „kranke Mann vom Bosporus“.

Ab 1850 wurden als Therapie die Tanzimat-Reformen eingeleitet, um aus dem Reich einen modernen Zentralstaat mit eigener Staatsbürgerschaft zu machen. Als einendes Element sollte der Panislamismus stehen, also der Anspruch die Vertretung aller Muslime zu sein. Jedoch hatte eine osmanische Kultur nie bestanden, weshalb dieses Projekt wenig erfolgreich war. Der Osmanismus wurde eher als etwas künstliches, fremdes und oktroyiertes verstanden.

Atatürk

Was ist ein Volk?

Viel mehr schwächten die aufkommende Bedeutung der eigenen Ethnie und die damit verbundene Forderung nach einem eigenen Staat das osmanische Reich weiter. Genau in dieser wechselvolle Zeit absolvierte Mustafa Kemal seine militärische Ausbildung, die er 1905 beendete. Darauf folgten Auslandsaufenthalte in Paris und Sofia, die ihn mit dem westlichen System vertraut machten. Schon damals versuchte er in die Kreise der Reformer der jungtürkischen Revolution zu gelangen, was ihm jedoch verwehrt blieb. Viel besser konnte er sich als militärischer Stratege bei der Verteidigung der Dardanellen einen Namen machen. Nach der Niederlage war aber das Schicksal des kranken Mannes am Bosporus besiegelt.

Frankreich, Großbritannien, Italien sowie Griechenland versuchten daraufhin ihren Einfluss in Vorderasien immer weiter auszudehnen.

Gemäß den Bedingungen des Friedensvertrages wurde Atatürk damit beauftragt, die Armee in Anatolien zu demobilisieren. Der spätere Staatsgründer wollte sich damit jedoch nicht abfinden. Der Militärstratege traf eine folgenschwere Entscheidung, die sein weiteres Schicksal und das der Türkei für immer verändern sollte. Seine Landung in anatolischen Samsun am 19.Mai.1919 wurde zum offiziellen Geburtstag Atatürks, dessen wahres Geburtsdatum nicht bekannt ist. Damit begann der „Türkische Befreiungskrieg“.

In Ankara, der späteren türkischen Hauptstadt, gründete Atatürk eine eigene Nationalversammlung. Damit wollte er einen Bruch mit der osmanischen Geschichte und Istanbul vollziehen sowie einen Neuanfang verdeutlichen. Im Verlauf dieses Krieges gelang es Atatürk immer mehr Macht an sich zu ziehen und zum unumstrittenen Führer der „Befreiungsbewegung“ aufzusteigen. Mit der Eroberung Izmirs im September 1922 war der „Unabhängigkeitskrieg“ beendet. Im Vertrag von Lausanne wurde 1923 die territoriale Unabhängigkeit der Türkei wieder hergestellt. Die Anliegen nationaler Minderheiten wie Kurden oder Armenier wurde hier jedoch nicht mehr berücksichtigt. Viel eher fand ein Bevölkerungsaustausch zwischen Griechen und Türken statt. Für diesen Bevölkerungsaustausch wurde ironischerweise die Religionszugehörigkeit als Kriterium verwendet.

Der letzte Kalif und der erste Schritt

Der letzte Sultan Mehmet der IV. floh ins Exil. Bald, ein Jahr später, sollte ihm Abdülmecit als letzter Kalif folgen. Damit war der Weg frei für die Vision einen modernen Nationalstaat nach westlichen Vorbild zu schaffen. Am 29.Oktober 1923 wurde die türkische Republik ausgerufen und Atatürk ihr erster Präsident. Dieser stand nun ein radikales Reformpaket und drastische Umbrüche bevor.

„Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit gibt es nur in Verbindung mit der Herrschaft eines Volkes.“, wie Mustafa Kemal betonte.

Damit wandte sich der Kemalismus bewusst gegen die osmanische Vergangenheit. An die Stelle der Herrschaft durch den Sultan sollte nun die Volkssouveränität, also die Herrschaft des Volkes über sich selbst treten. Nicht mehr der Zwiespalt zwischen Osmane und eigener kultureller Identität, sondern ein durch gemeinsame Sprache und Kultur geeinte Nation aus türkischen Staatsbürgern wollte man bilden. Dem Staat fällt die Aufgabe zu, Wegbereiter zu sein und Reformen anzustoßen, von oben für das Wohl des Volkes zu sorgen.

Infolgedessen kam es zu immer größeren Zentralisierungen. In den islamischen Strukturen jedoch sah Atatürk ein konkurrierendes System zur Staatsgewalt. Aus diesem Grund wurde das „Präsidium für religiöse Angelegenheiten“ kurz Diyanet geschaffen und die Imamausbildung unter staatliche Aufsicht gestellt. Medressen, die alten Koranschulen, die nur Jungen vorbehalten waren, wurden verboten. An deren Stelle traten staatliche Schulen, die von allen besucht werden mussten.

Im Westen sah man das Vorbild eines Staatsmodells, dem es nachzueifern galt. Verschiedene Verwaltungsreformen wie die Einführung europäischer Rechtssprechungen sollten den Anschluss an die Moderne schaffen. Der laizistische, westliche Einfluss wurde immer deutlicher am Bosporus. Der gregorianische Kalender wurde eingeführt, Sonntag zum Ruhetag, Frauen erhielten 1934 das Wahlrecht, noch vor Frankreich.

Die Entdeckung der Liebe zum Ü

Am deutlichsten wurde die neue entstandene türkische Nation in der Sprache. Vordenker hatten bereits immer wieder auf die Wichtigkeit von Sprache, Kultur und Nation verwiesen. Dies war ein Problem der osmanischen Herrscher. Am Sultanshof sprach man eine eigene Mischung aus arabischen, persischen und türkischen Einflüssen, die jedoch vom einfachen Volk nicht verstanden wurden. Die Sprachreform zielte darauf ab, dieses Gefälle zu überwinden, ein Volk zu schaffen.

Sichtbar wurde dieser Übergang mit der Umstellung auf das lateinische Alphabet. Mit der Abkehr von der arabischen Schrift war die Abkehr von der heiligen Schrift des Koran, somit der Religion, verbunden. An deren Stelle sollte die Nation treten. Zum einen ermöglichte die Latinisierung eine schnellere Alphabetisierung, zum anderen betonte sie auch den Anschluss an die westlichen, modernen Nationen Europas.

In diesem Kontext versteht sich der Kemalismus als eine Freiheitsbewegung, sich von der osmanischen Herrschaft zu befreien. Dies drückte sich auch in der Freiheit der Sprache aus, wie es der Kultusminister Yücel 1928 formulierte:

“Was die die Araber und Perser nicht mit ihrern Armeen erobern konnten, haben sie in der Literatur mit Wörtern und Begriffen erreicht”

Darum wollte man arabische und persische Einflüsse beseitigen um die reine Sprache und damit die reine Nation zum Leben zu erwecken. Türkischlernende treffen schnell auf die Spuren dieser Reform. Neben einer logisch, fast geplant wirkenden, Grammatik finden sich im türkischen viele Begriffe der gängigen europäischen Sprachen wieder.

Eine Sprache, eine Volk und ein Staat, damit war es Atatürk gelungen aus einem Vielvölkerreich eine türkische Nation zu schaffen. An dieser Stelle dürfen die negativen Aspekte dieses Nationalismus aber nicht verschwiegen werden. Bald wurde dieser in den Dienst eines Nationalchauvinismus gestellt. Die Türken sollte als eines anderen Völkern überlegenes Volk gesehen werden. Bis heute spielt der türkische Nationalstolz eine wichtige Rolle mit einhergehenden Konflikten. Noch immer prägen Minderheitenfragen wie etwa die Rolle des Kurdischen die politischen Auseinandersetzungen im Land.

Für eine Demokratie nach europäischen Verständnis ist dies natürlich eine große Schwierigkeit und Herausforderung. Am 9. November 1934 starb Mustafa Kemal, Atatürk, der Vater der modernen Türkei. Große Umwälzungen führten die Türkei Richtung Moderne, schufen eine Brücke nach Westen, ließen aber auch viele Fragen unbeantwortet. Der Staatsgründer hinterließ am Bosporus ein großes Erbe, dass es kritisch weiterzuentwickeln gilt.

Über eine Brücke muss man gehen

Die Brücke am Bosporus verbindet nicht nur zwei Stadteile und Kontinente sondern zwei Welten miteinander. Einst gelang es Atatürk aus dem zerfallenden osmanischen Großreich einen laizistischen Nationalstaat nach westlichen Vorbild zu schaffen. Er legte auf diese Weise die Grundlagen für den Spagat zwischen einem Mitglied der Nato, einem Beitrittskandidaten der EU und einer Mitgliedschaft in der Konferenz der islamischen Staaten- In dieser Art ist die Türkei damit einzigartig in der islamischen Welt. Speziell die Frage nach dem EU-Beitritt ist;- insbesondere angesichts der derzeit angespannten Beziehungen zwischen der europäischen Union und der Türkei;- dennoch immer wieder kontrovers diskutiert worden. Es bleibt dem Leser überlasen sich eine eigene Meinung zu diesem Thema zu bilden.

Wichtig ist jedoch festzuhalten, die Türkei war und ist noch immer ein wichtiges Bindeglied zwischen der christlichen-westlich und der islamisch-östlichen Welt. Auf diese Weise kann sie als eine stabile Brücke für die Annäherung beider Kulturkreisen dienen. Doch es reicht nicht Brücken zu bauen, um an das jeweils andere Ufer zu kommen muss man diese Brücken auch von beiden Seiten überschreiten.

(Foto: Jan-Henrik Wiebe by jugendfotos.de)

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Über den Autor

Stephan Raab

Stephan Raab interessiert sich für Warum und die Welt: Seit 2014 gehe ich für backview.eu scheinbar alltäglichen Dingen auf den Grund, betrachte warum manches so ist wie es ist. Wenn ich nicht gerade an einer neuen Idee für einen Artikel sitze, beschäftige ich mich gerne mit Fotographie oder Fremdsprachen oder widme mich meinen Politikstudium.

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