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Falsche Annahmen und wahre Tatsachen

Momentaufnahmen aus Kamerun, Teil 2

2011-08-21-best-of-cameroun-084kleinback view-Autorin Anna Franz berichtet f√ľr uns aus Kamerun. Dort muss sie feststellen, dass sie sich erst mal von ihren Vorurteilen verabschieden muss. Denn ihr Leben in Afrika ist gar nicht so fremd, wie sie es erwartet hatte.

 

 

 

Ich betrat keine andere Welt, als ich aus dem Flugzeug stieg. Ich betrat lediglich ein anderes Land, das sich in einigen Dingen von meinem Heimatland unterschied. In den ersten Tagen und Wochen hakte ich die Vorstellungen, die ich von Afrika gehabt hatte, gedanklich ab oder strich sie durch.

Blutrote Sonnenunterg√§nge, wie ich sie von kitschigen Afrika-Gem√§lden kannte, gab es in Kamerun nicht, zumindest nicht in den St√§dten und am Strand (allerdings gab es am Strand kitschige Afrika-Gem√§lde mit blutroten Sonnenunterg√§ngen zu kaufen…). Die Sonne ging viel zu schnell unter und au√üerdem war der Himmel oft verhangen – ein Gru√ü von der Regenzeit.

Obst, Bonbons und Waschmittel an der Straße
Verkaufsst√§nde an der Stra√üe gab es allerdings, wie ich erwartet hatte. Kaum trat ich aus dem Haus, pries mir die bunt gekleidete Mamma an der Hauptstra√üe gegrillte Kochbananen an, daneben wartete eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm auf Abnehmer f√ľr ihren Berg Erdn√ľsse. Ein paar Schritte weiter stand ein Mann mit einem Tante-Emma-Bauchladen und verkaufte Kakao und Waschmittel in T√ľtchen, Kekse, Zigaretten und Bonbons. Ein paar Schritte weiter hatte die n√§chste Mamma unter ihrem Sonnenschirm einen Stand aufgebaut, der sich auf S√ľ√üigkeiten spezialisiert hatte – auf die sogenannten ‚Äěbonbons alcoolis√©s“, alkoholisierten Bonbons, die meistens wei√ü-blau-rot meliert sind. Sie enthalten kein bisschen Alkohol (laut gewisser Freunde und eigener Tests), sondern hei√üen nur so. Angeblich sind sie aber unschlagbar im Alkoholspiegel-Abbauen. 2011-08-05-markt_strasse
Kurz hinter der Boulangerie (B√§ckerei), die franz√∂sische Baguettes, (Schoko-) Croissants und die sehr beliebten Krapfen verkaufte, standen die Obst-Frauen. Auf ihren Paletten stapelten sich Papayas, Mangos, Bananen, Ananas, Wassermelonen und Orangen (die hier allerdings gr√ľn sind). Manchmal stand vorne auch noch ein Eimer mit Litschis oder es lagen ein paar Courosol herum (Fr√ľchte mit einer stacheligen Schale, etwa so gro√ü wie drei gro√üe √Ąpfel. Das Fruchtfleisch ist schneewei√ü und sehr weich, mit gro√üen, schwarzen Kernen. Am besten lutscht man sie aus – sie schmecken ein wenig wie Litschis, sehr erfrischend und s√§uerlich).

Straßenbild
Auf den Straßen waren wenige Fußgänger unterwegs. Die meisten Leute nahmen lieber eins der gelben Taxen, die ständig vorbeifuhren. Nur auf den Märkten war viel los Рda konnte man als auffallende Weiße schon mal Platzangst bekommen.

Ich hatte erwartet, mehr Bettler zu sehen. Tats√§chlich fragten mich hin und wieder mal Menschen nach einem ‚Äěcadeau“, Geschenk. Aber erst in den letzten Wochen sah ich zwei Bettler, die an einer Stelle auf und ab gingen und darauf warteten, dass jemand ihnen Geld gab.

Slums oder Dörfer?
Auch Slums pr√§gten das Stadtbild weniger als angenommen. Es gab die ‚ÄěD√∂rfer“, aber ist ‚ÄěSlum“ das richtige Wort daf√ľr? ‚ÄěSlum“ klingt f√ľr mich nach Armut, Schmutz, Krankheiten, menschenunw√ľrdigen Lebensbedingungen, Kriminalit√§t. Das Dorf bei uns im Hof etwa beherbergte nat√ľrlich keine reichen Leute. Es gab Brunnen und Toiletten-H√§uschen (wahrscheinlich ohne flie√üend Wasser). Der Boden der H√§uschen, die oft nicht mehr als ein Zimmer hatten, bestand aus Erde. Die W√§nde waren aus Brettern zusammengenagelt. Gegen Regen sch√ľtzte ein Wellblech-Dach, das oft sehr kreativ ausgebessert war. Aber meiner Beobachtung nach achteten die Bewohner sehr auf Hygiene – gerade weil es sonst sehr schnell sehr schmutzig w√ľrde. Jeden Morgen wuschen sie Kleidung und fegten die H√ľtten aus. Ob es viele Krankheiten und Straftaten gab, kann ich nicht beurteilen. Zu mir waren die Bewohner immer sehr nett und zuvorkommend. Ich denke, sie w√ľnschten sich zwar ein besseres Leben mit einem h√∂heren Lebensstandard, aber da dies nicht in Aussicht war, gaben sie sich mit dem zufrieden, was sie hatten.

2011-05-31-foto_slum_dorfGef√§hrlich, dort zu leben, war es allerdings schon: Einmal sahen wir von der Terrasse ein riesiges Feuer im Hof lodern und laute Schreie wehten zu uns her√ľber. Eine der H√ľtten hatte Feuer gefangen und brannte lichterloh. Ich hatte Angst, das Feuer k√∂nne schnell auf die benachbarten Behausungen √ľbergreifen, da sie so dicht zusammenstanden. Doch sofort waren die Nachbarn zur Stelle und bildeten einen L√∂schzug mit Wassereimern. Pl√∂tzlich knallte es laut – der Gasherd war explodiert. Mein Mitbewohner alarmierte die Feuerwehr, doch die kam erst lange nachdem sich selbst der Rauch wieder verzogen hatte.

Die eigene Wohnung
Mein eigenes ‚ÄěZuhause“ war entsprach nicht meinen schlimmsten Erwartungen. Ich musste kein Wasser aus Brunnen sch√∂pfen, mich nicht aus dem Eimer waschen und √ľber einem offenen Feuer kochen. Auch schlief ich nicht auf einer Bastmatte auf dem roten Lehmboden. Im Gegenteil. Ich wohnte mit einem Mitbewohner in einer kleinen, gem√ľtlichen, sauberen Zweizimmer-Wohnung in einem Haus, wie man es auch bei uns kennt. Es gab flie√üendes Wasser (abgesehen von den zwei Wochen Wasserrohrbruch), mit dem man sogar gefahrlos Z√§hne putzen konnte. Auch das Bett h√§tte ebensogut in Deutschland stehen k√∂nnen. Der einzige Unterschied war, dass √ľber dem Bett ein M√ľckennetz hing und auch vor den Fenstern M√ľckengitter angebracht waren. Die Fenster waren √ľbrigens nie geschlossen, so wehte immer eine frische Brise durch die Wohnung. In der K√ľche stand ein kleiner Gasherd; Herdplatten, wie es sie oft in Deutschland gibt, habe ich in meiner ganzen Zeit in Kamerun nicht gesehen.

Ich hatte mich also seelisch und moralisch auf sehr einfache Bedingungen eingestellt, war aber durch eine Lebensqualit√§t, die der in Deutschland sehr nahe kam, √ľberrascht worden. So war vieles √§hnlicher, als ich angenommen hatte. Aber es gab auch genug Unterschiede – wie etwa die Markfrauen, das st√§ndige Verkaufen an der Stra√üe und D√∂rfer mitten in der Stadt – die jeden Tag zu einem Erlebnis werden lie√üen.

(Text und Fotos: Anna Franz)

 
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Anna Franz
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