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Amerika deluxe!

Die USA feiern in unnachahmlicher Art den Super Bowl

23:30 Uhr mitteleuropäische Zeit – die NFL lädt ein zum großen Finale. Kurz vor Mitternacht, der Kalender zeigt noch den 6. Februar an, treffen sich die harten Muskelprotze von den Green Bay Packers und den Pittsburgh Sleepers, um den Super Bowl auszuspielen. Es ist das Ereignis in den USA, aber wie erlebt man in Deutschland den großen Showdown? Ein Erfahrungsbericht eines Neulings.

Das Spektakel beginnt mit viel Glamour. Christina Aguilera trällert lautstark die Nationalhymne. Dass ihr dabei ein kleiner Fauxpas unterläuft stört wenige. Von Adam Sandler bis zu George Bush, John Travolta und vielen weiteren hat sich die hohe Society einen Platz im Stadion gesichert. Es scheint zwar so, als würde hier ein neuer Präsident der USA inthronisiert, aber nein: Es ist einfach nur ein gigantonomisches Sportereignis. Der Ball, der hier vielmehr ein Ei ist, wird mit ebenso viel Glanz von einem jungen Mädchen hereingebracht. Es fehlt eigentlich nur noch der rote Teppich. Nie war der American Dream greifbarer als jetzt.

Taktisch geprägt
Dann stehen sich die Mannschaften gegenüber, es sind die reinsten Kleiderschränke, die um das Objekt der Begierde kämpfen werden. Man kennt ja die Szenen: Die Mannschaften stehen sich in Reihen gegenüber, dann wird das Ei freigegeben. Daraufhin bricht der große Kampf los. Es ist alles sehr undurchsichtig, Menschenmassen türmen sich übereinander. Es scheint chaotisch, aber der aufmerksame Zuschauer merkt schnell, dass wohl kein Sport derart von Taktik geprägt ist wie Football. Kommandos, Auszeiten und Mikrofon- und Headset-Kontakt ziehen sich durch das Spiel. Der Trainer, der die Nase tief in einer Taktiktafel versenkt hat, wird ständig eingeblendet.

Viel Fachchinesisch
„Es ist ein Spiel, wie man es erwarten konnte“ fachsimpelt Andreas Witt. Keine Ahnung, kann schon sein. Man ist dem Willen der Reporter hörig und selten hängt man derart an den Lippen der Spielberichter. Eigentlich ist die Option „Stadion-Atmosphäre“ immer eine gute Wahl, aber hier braucht man einfach den guten Rat und das Wissen von Andreas Witte und Dirk Froberg. Keine Regel ist dem Laien hier bekannt, wie soll man sich ohne diese zwei Aufklärer in dem wahnsinnigen Dschungel zurechtfinden? Aber auch so raucht einem oftmals der Kopf. Linebackers, Snap, Firstdown – viel Fachchinesisch für einen Nordwesteuropäer.

Touchdown, Touchdown!
01:00 Uhr: Der erste Touuuuuchhhdooowwwwwnnn! Jordy Nelson punktet zum 7:0 für die Packers. Was für ein Gefühl. Es ist so, als würde einer dieser südamerikanischen, entfesselten Kommentatoren laut schreien: „Goooooooooollll!“ Zum großen Fest in den USA drehen auch unsere sonst so nüchternen Kommentatoren groß auf. Gebt uns in Zukunft mehr davon!
01:06 Uhr: Der Spaß hier läuft insgesamt schon über eineinhalb Stunden, aber an Nettospielzeit sind es erst zwölf Minuten. Weniger Netto geht kaum, die FDP hat schon entsprechende Anträge gestellt. In dieser zwölften Minute dann wirft sich ein gewisser Collins zum 13:0 zum Touchdown. „Auf der Reise ins Paradies“ heißt es von den Kommentatoren. Wenn man die Stimmung auf den Rängen beachtet, dann ist es für die Spieler unten auf dem Rasen wohl wahrlich ein Paradies auf Erden.

Ein riesiger Geldapparat
Für jemanden, der Football nur aus dem Film „Blinde Side“ kennt, ist es schwer nachzuvollziehen, was in diesem riesigen Apparat der NFL abläuft. Aber die Homepage der ARD gibt Hintergrundinfos. Während einer der ganz harten Kerle, Roetlishberger, samt verdrehtem Knie immerhin 18 Yards macht, klärt ard.de auf: Der NFL droht ein Arbeitskampf. Unvorstellbare neun Milliarden Dollar nimmt die Liga ein – im Jahr! Und von diesem fetten Kuchen möchten die Spieler weiterhin ein großes Stück – nämlich die Hälfte – haben. Die Klubbosse aber wollen jetzt weniger zahlen. Das Undenkbare scheint möglich, ein Streik. Ach ja: Roetlishberger soll schon mal ein Spiel mit gebrochenem Fuß absolviert haben. Nicht schlecht, aber auch ganz und gar nicht gesund.
Unterbrochen wird das Spiel immer mal wieder von Werbespots, die während Auszeiten und Viertelpausen laufen. Ganze drei Millionen kostet den werbenden Unternehmen ein solcher kurzer Einspieler. Viel Geld, aber auch große Reichweite bei immerhin über 100 Millionen zuschauenden US-Amerikanern. Dem deutschen Zuschauer bleibt das erspart, die ARD zeigt währenddessen mit anderen Kameras weiter das Spielfeld.

Football oder Starauflauf?
Es ist so viel Drumherum, dass Witte und Froberg sich schon um 01:34 Uhr auf die Black Eyed Peas freuen, die auf der Halbzeitshow auftreten werden. Dass die gefühlten 200 Männer auf dem Rasen bis dahin aber noch einiges leisten müssen und sicherlich noch einige Minuten gespielt werden, kann man da ja schon mal vergessen. Es ist nicht immer ganz auszumachen, was wichtiger ist: Ob und wie Jennifer Aniston ein Interview gibt oder ist es doch der Sport, der hier im Vordergrund steht? Es scheint ein Mix aus beidem zu sein.
Der neue Zuschauer durchlebt hier einen reinen Lernprozess. Man mag glauben, dass alles erlaubt ist in diesem modernen Gladiatorenkampf, aber in die Gesichtsmakse zu greifen ist strikt untersagt. Soso. Also doch kein Spiel ohne Regeln à la Adam Sandler.

Um 01:48 Uhr der dritte Touchdown: Es steht 21:3 für die Packers und angeblich soll es ein noch deutlicheres Spiel sein als man es erwartet hätte. Das können die sich doch gar nicht mehr nehmen lassen. Und so soll es dann auch kommen. Mit 31 zu 25 schicken die Green Bay Packers den Gegner aus Pittsburgh nach Hause.
Und dann gilt es: Feuer frei für die Fortsetzung der großen Party! Nach der Vorlage mit der pompösen Halbzeitshow der Black Eyed Peas und einem Auftritt von Usher sind dem Wahnsinn jetzt nach Abpfiff keine Grenzen gesetzt. Der Himmel ist greifbar. Die VIPs dürfen sich im Stolz der Oberschicht baden und das Volk ergötzt sich an den Bildern. Der Sport, der die Massen in den USA elektrisiert, wird hier gepaart mit einer Inszenierung der Größe. Ein ganz großes Brimborium – Amerika deluxe.

(Text: Jerome Kirschbaum)
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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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