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Älter werden doch immer nur die Anderen

Über die Gedanken zum eigenen Dreißigsten

Einige Geburtstage im Leben scheinen besonders bedeutend zu sein – wie der 30. oder der 50. Junge Menschen erleben dieses Phänomen jedoch häufig aus einer Außenperspektive, ohne es wirklich emotional nachvollziehen zu können. In diesem back view-Kommentar beschäftigt sich unser Autor mit einem persönlichen neuralgischen Punkt: dem eigenen 30. Geburtstag.

Mann 30Voller Spannung sitze ich am Dienstag vor meinem E-Mail Account und warte darauf, zu erfahren, welches Titelthema die Redaktionskonferenz am Montag beschlossen hat. Häufig beginnt dann ein Feuerwerk der Ideen. Dieses Mal gab es kein Feuerwerk, sondern nur eine merkwürdige innere Leere.

Der Grund: ich werde selbst bald 30. Zuerst hielt ich die Auswahl des Themas für einen Scherz. Dann begann ich genüsslich die Gedanken an den anstehenden Geburtstag beiseite zu schieben und mich anderen Dingen zu widmen. Ein späterer Versuch das Thema aufzugreifen, endete an einer Barriere, nämlich an der existentiellen Frage: Warum fällt es mir so schwer, mich in das Thema reinzudenken?

Älter werden immer nur die Anderen
Die Angst davor, älter zu werden, ist eigentlich immer nur ein Problem der anderen gewesen. Nun ist es offensichtlich auch mein Problem. Aber woran liegt das? Viel lässt sich sicherlich auf die damit verbundene Erwartungshaltung zurückführen, die an mich selbst und die der anderen an sich und damit implizit auch an mich.

18 Jahre alt zu werden kann man gar nicht erwarten. Das 21. Lebensjahr und diese ominöse Volljährigkeit hat für die Lebensentwürfe der meisten Menschen keine Bedeutung. Den 25. Geburtstag erlebt man in den meisten Fällen frei von wichtigen Entscheidungen und Erwartungen.

Der 30. Geburtstag ist hingegen eine Zäsur, was meist gar nicht an einem selbst, sondern am Umfeld liegt. Wir alle kennen diese Aussagen: bis 30 möchte ich ein Kind haben, bis 30 möchte ich heiraten, mit 30 möchte ich finanziell sicher in die Zukunft blicken können, mit 30 möchte ich ein Haus bauen. So könnte es noch endlos weiter gehen, natürlich immer abhängig davon, in welchem sozialen Umfeld man sich befindet. Aber mein Fazit ist anders!

Ich muss mit 30 gar nichts!
Nach einer Phase der Selbstreflexion steht für mich fest: Ich muss mit 30 gar nichts. Ich bin unverheiratet, habe keine Kinder und stehe erst am Anfang der beruflichen Laufbahn. Ich hatte bisher ein schönes Leben und habe trotzdem noch so viel Zeit. Ich werfe es niemandem vor, einen bestimmten Plan zu haben. Nur muss man auch in Anspruch nehmen dürfen, dass die Projektion anderer Lebensentwürfe schlicht nicht die eigenen sein müssen.

(Text: Marcel Stübner / Foto: Malte Tiedemann)
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Kommentare (1)

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    Mopsi1

    Klar muss man den 30. Geburtstag nicht zur Reflektion nutzen.
    Trotzdem sollte man sich aber vor Augen führen, das ein reflektierter Umgang mit dem eigenen Leben, und damit meine ich gerade die Lebensplanung und deren Verwirklichung essentiell für eine zielgerichteten und damit dann auch erfolgswahrscheinlichere Lebensführung ist. Wann man diese Zäsur durchführt und welche Ansprüche man dann definiert ist zweitrangig. Ich bin aber der Meinung, gerade der 30. Geburtstag bietet sich hier an, da man nicht nur sein eigenes Leben reflektiert sondern diese Reflektion in der Regel auch kommuniziert, sei es in der Partnerschaft, im Freundeskreis oder öffentlich. Die Kommunikation des ganzen ist enorm wichtig, da man somit sein eigenes Wertesystem einer Beurteilung unterzieht und das zu einem Zeitpunkt im Leben an dem sich auch andere mit den dazugehörigen Fragen beschäftigen. Verzichtet man auf diesen Schritt, schwimmt man sein Leben lang in der Suppe seines eigenen Erwartungshorizontes und verpasst die Chance sich Größerem / Fremdem zu stellen.

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Über den Autor

Marcel Stübner
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