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All you need is love?

Kommentar: Von Sozialstaat, Eurokrise und Obdachlosigkeit

Unser Sozialsystem fußt nicht auf edlen Werten, sondern basiert zu weiten Teilen auf Egoismus. Soziale Hilfe wird aus Eigennutz an den Staat weitergegeben. Das prägt unseren Umgang mit Bedürftigen – sei es ein obdachloser Zeitungsverkäufer oder ein bankrotter Mittelmeerstaat.


Es ist Dienstagnachmittag. Ich sitze in einer einführenden Vorlesung der Politikwissenschaft. Der Professor referiert über die Geschichte der Politik und diskutiert verschiedene Definitionen. Politik sei jenes menschliche Handeln, dass auf die Herstellung und Durchsetzung allgemein verbindlicher Regeln und Entscheidungen in und zwischen Gruppen von Menschen abzielt. Das verständnisvolle Nicken meines Nachbarn spiegelt sich im Display seines Tablett-Computers.

Einige Stunden später sitze ich in der S-Bahn nach Berlin-Tiergarten. Ein Mann in einem verschlissenen schwarzen Jackett betritt den Waggon. Er wankt durch die Gänge. Er heißt Stephan und verkauft die aktuelle Ausgabe des „Straßenfegers“.  Er wird ignoriert. Ein beißender Geruch verbreitet sich zwischen den Sitzen. Angewidert wenden sich die Köpfe ab. Stephan schlurft zur Tür und murmelt leise die Worte: „Hätte ich mich doch umgebracht.“

Ohne die allgemein verbindlichen Regelungen unseres Sozialstaats gäbe es mehr Menschen wie Stephan. Ein Sozialsystem „zwingt“ den Bürger zur passiven Solidarität mit Schwächeren. Wieso ist das nötig? Die Antwort dieser Frage liegt bei Stephan selbst. Stephan wird nicht geliebt. Ihm wird nicht geholfen.
Politik ist Suche, Umsetzungen und Vorbereitung von Lösungsansätzen für Probleme, die durch einen Mangel zwischenmenschlicher Liebe entstehen.

An dieser Stelle schlage ich ein Gedankenexperiment vor. Man denke an jedwede politische Diskussion und setze als Lösung „Liebe“ ein. Wäre ein Verteidigungsminister notwendig wenn die Liebe zwischen den Menschen Krieg verhindert? Gäbe es Kindergeld wenn die Liebe zum neuen Leben finanzielle Interessen übersteigt? Wären Arbeitslosengeld und Mindestlohndebatten notwendig, wenn die Menschen sich alle wie Bruder und Schwester unterstützen würden?

Vielleicht ist Gott tot. Vielleicht regiert Geld die Welt. Fraglich ist ob ein derart elementarer Wert wie Liebe in einer vernetzten, rationalisierten Welt immer mehr an Bedeutung verliert – in einer Welt, die zunehmend von der Realität des Egoismus bestimmt wird. Nach Beispielen muss man in einer globalen Finanz-und Wirtschaftskrise nicht lange suchen.

Obwohl wir in einer sozialen Marktwirtschaft leben, ist der Stellenwert des Egoismus höher als man zunächst annehmen mag. Denken wir zurück an Stephan. Die Verantwortung für soziale Hilfe wird an den Staat ausgelagert. Kaum einer möchte in der S-Bahn der erste und vielleicht einzige sein, der seinen Geldbeutel öffnet. Warum auch? Wer wird schon einmal selbst in dieser Situation sein und um Hilfe bitten? Die Unterstützung des Sozialstaats hingegen ist allgemeines Interesse, weil sie direkten Nutzen für die eigene Person mit sich bringt. Eigenartig wenn man bedenkt, dass sich Deutschlands politische Mitte nach links verschiebt.

Wenig verwunderlich ist, dass sich ein Großteil der Deutschen gegen einen erweiterten Schirm zur Rettung Griechenlands ausspricht. Die europäische Familie ist wenig familiär. Der Europäischen Union fehlt es an Einheit. Der direkte Nutzen Griechenlands wird vom Einzelnen scheinbar kaum nachvollzogen. Man selbst wird nicht (mehr) in absehbarer Zeit eine Rettung benötigen.
Wurden wir etwa zu kurzsichtigen Egoisten erzogen?

(Text: Oliver Fläschner)
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