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94 Tage und die Zeit rennt

Looking for Freedom – Miriam macht Abi Teil I.

Unfassbar, 13 Jahre Schule sind fast vorbei! Ein Moment, auf den viele SchĂŒler hoffen, doch der fĂŒr die meisten unglaublich weit weg zu sein scheint. Unsere Redakteurin Miriam GrĂ€f steht nun kurz vor ihrem Abi und auf einmal hĂ€tte sie lieber doch noch ein paar Monate mehr Zeit. Warum dies so ist und was sonst noch in den kommenden Wochen auf sie wartet, verrĂ€t sie nun regelmĂ€ĂŸig  in ihrer Kolumne. Heute: Schule nervt total.

Irgendwie dachte man, das Ende komme nie. Vielleicht hoffte man insgeheim, das es nie komme. Jetzt war es fast da. Die Ewigkeit war fast vergangen. Ärger. Wie kann die Ewigkeit  vergehen? Egal. Jetzt war es aber soweit: die Ewigkeit atmet ihre letzten ZĂŒge.Und ich? Ich mache die letzten Schritte durch meine Schule, hinterlasse die letzten AbrĂŒcke auf den Sofas, kritzle die letzten Male auf den Tischen und hole bald das letzte Mal die BĂŒcher aus meinen Fach oder eher: ich versĂ€ume es bald zum letzten Mal meine BĂŒcher aus dem Schließfach zu holen. 46 mal 35 mal 50 Zentimeter. Alle BĂŒcher passen hinein, plus eine Jacke, ein Kaffeebecher, ein Ordner und der Rucksack. Und ich?

Meine Gedanken, meine Erinnerungen, Ängste, WĂŒnsche, unsere WĂŒnsche, Ängste, Erinnerungen und Gedanken, passen nicht in 46 mal 35 mal 50 Zentimeter. Sie sollen auch nicht in ein Schließfach gesperrt werden, dessen SchlĂŒssel man verliert. Nein, da sind zu viele Geschichten, die erzĂ€hlt werden sollen. Wo aber ist da der Anfang? Vielleicht bin ich es. Seit nun acht Jahren bin ich auf dieser Schule, seit nun zwölf Jahren gehe ich zur Schule. Dies wird mein letztes sein. Es ist wie ein Ende einer Ära. Ja, das trifft es ganz gut. Als junges Ding mit Brille und Zahnspange kam ich auf diese Schule, jetzt verlasse ich sie als gereifter, erwachsener Mensch – ohne Zahnspange mit Kontaktlinsen.

Abitur

Es ist komisch. In nur ein paar Monaten halten wir das Abiturzeugnis in den HĂ€nden. In Rheinland-Pfalz hat man schon seit sieben Jahren das verkĂŒrzte Abitur, aber nicht nach 12 Jahren, sondern nach Zwölfeinhalb. Ein Kompromiss oder so. Na ja, kein besonders guter. Die Zeit ist knapp und, dass merken wir jetzt so richtig.

Ein kleiner RĂŒckblick: Ein halbes Jahr ist fast vorĂŒber. Es sind noch knapp vier Wochen bis zu den schriftlichen PrĂŒfungen. Nicht mal mehr vier Monate, dann ist alles vorbei, dann betrinken wir uns hoffentlich auf unserem Abiturball.

Ich hatte bisher etwa gute zwanzig LeistungsĂŒberprĂŒfungen (wahrscheinlich waren es noch mehr), acht StĂŒck davon sind Klausuren gewesen. Sieben dieser Klausuren fanden in einem Monat statt. Durchschnittlich schrieb ich also zwei Arbeiten in diesen vier Wochen. Das ist nicht gerade wenig. Und da ich in diesem Monat noch mindestens vier andere ÜberprĂŒfungen hatte, war es so ziemlich die schrecklichste Zeit in meinem Leben.

Vor den Weihnachtsferien, die nĂ€chste Woche beginnen, folgen noch mindestens zwei weitere Tests. Das klingt jetzt hart, aber in Wirklichkeit ist es eher wie Warmlaufen, die Ruhe vor dem Sturm oder so. In den zwei Wochen Ferien werde ich natĂŒrlich rund um die Uhr lernen mĂŒssen. Da ich es wie so ziemlich jeder SchĂŒler versĂ€umte in den Herbstferien zu lernen und im November nun wirklich kein Platz war fĂŒr Abiturvorbereitung, mĂŒssen die Ferien durchgeackert werden. Ein bisschen ist das sicherlich meine eigene Schuld. Obwohl ich in den Herbstferien nicht ganz faul war: Ich schloss einen Kompromiss mit mir selbst: Eine Woche chillen, eine  Woche Abivorbereitung. Und so war es auch. Trotzdem bin ich mit meiner Vorbereitung noch lange nicht fertig und so langsam bekomme ich echt Schiss. Wenn ich darĂŒber nachdenke, was ich noch alles erledigen muss, dann weiß ich ehrlich nicht, wie und wann ich das alles schaffen soll.

Langsam habe ich das GefĂŒhl zu versagen. Meine Nerven geben auf und mein Körper auch. Seit zwei Monaten befinde ich mich in einem Dauerstresszustand. Mag sein, dass manche nun denken, dass ich ĂŒbertreibe oder auch sehr empfindlich bin. Aber so eine Phase habe ich in meiner ganzen Schulzeit noch nicht erlebt und sie wird auch noch ĂŒber einen Monat anhalten. Vielleicht ist es weniger das  Problem, dass ich wenig schlafe und viel arbeite, aber, dass was ich tue. Jeden Tag stehe ich auf, gehe zur Schule, komme nach Hause, lerne, gehe schlafen, dann stehe ich wieder auf… Es ist immer dasselbe jeden Tag. Ich lebe nur noch fĂŒr die Schule. Es macht mich regelrecht krank.

Es gibt FĂ€cher, die machen mir Spaß und ich habe kein Problem stundenlang fĂŒr diese zu lernen. Aber es gibt in der Schule auch so viele Dinge, die langweilig sind, die man nicht wissen will, Sachen, die einen aufregen. Ich bin kein Mensch, der mit solchen Sachen gut umgehen kann. Ich kann einfach nicht fĂŒr etwas Motivation aufbringen, dass mich nicht interessiert, dessen Sinn ich nicht begreifen kann. Wenn ich mich aber nun jeden Tag, stundenlang mit solchen Dingen abgeben muss, dann macht mich das fertig. Dann denke ich, dass den Geist nur zerstören kann.

Seit ein paar Wochen, wĂŒrde ich am liebsten jeden Morgen kotzen, wenn ich in die Schule gehe.  Aber ich gehe hin und gehe hin und gehe hin. Ich verstehe den Sinn nicht, da alle Arbeiten geschrieben sind, die meisten Lehrer sowieso fehlen und der Stoff behandelt ist, aber ich gehe hin. Ich verstehe nicht, warum wir nicht frei bekommen, um zu lernen. Ich verstehe einfach nicht, warum man sich jeden Tag in die Schule quĂ€lt fĂŒr praktisch nichts. Es ist sinnlos und irgendwie auch ein Paradebeispiel fĂŒr unser Schulsystem und dessen sinnfreie Regelungen.

Ich fĂŒhle mich mĂŒde und irgendwie ein bisschen zerstört, weil ich jetzt noch MĂŒhe fĂŒr einen Grundkurs wie Mathe aufbringen muss, nur weil man denkt, man mĂŒsse jetzt vor den Ferien noch einen Test schreiben. Und das verstehe ich wieder nicht. Die Lehrer wissen doch, dass wir mitten in unserer Vorbereitung stecken und warum mĂŒssen sie uns noch mit einem Grundkurs nerven? Warum lassen sie uns nicht lernen?

Vielleicht ist es die Zeit. Sie ist knapp. Sehr. Man hat als Lehrer nochmal knapp fĂŒnf Monate, um die wichtigsten und anspruchsvollsten Themen zu behandeln. Wir SchĂŒler merken den Druck der Lehrer. Einmal sagte eine Lehrerin, dass sie das verkĂŒrzte Abitur nicht verstehen kann. Man hat ein halbes Jahr weniger, aber den selben Stoff. Sie wisse selbst nicht, wie sie das machen soll.

Ja und wir auch nicht. NatĂŒrlich kann man sich jeden Tag von Schuljahresbeginn hinsetzten und lernen und dann hat man auch keinen Stress. NatĂŒrlich. Das geht. Aber nicht, wenn man ein achtzehn-jĂ€hriger Mensch ist, der gegebenenfalls auch freier denkt. Dann ist man jung, man hat gerade den FĂŒhrerschein, vielleicht ein Auto, darf in alle Clubs und sowieso alles ohne Zustimmung der Eltern machen. Und dann will man leben. Einfach nur das Leben genießen, spĂŒren, dass man am Leben ist. Und daran ist auch nichts verwerfliches. Es ist normal (ich hasse diesen Begriff, aber wie soll ich es anders sagen) und es gehört zur Entwicklung dazu, man braucht diese Erfahrungen, man braucht ein Leben.

Man kann doch nicht als Lehrer ernsthaft erwarten dass man jedes Wochenende nur lernt? Das ist völlig realitÀtsfremd. Ja, Schule ist auch so oft fernab von jeglicher RealitÀt.

Ticker: Noch 94 Tage bis ZeugnisĂŒbergabe + Abiball

Noch zu erledigen: Faust fertig lesen, Red Dust fertig lesen, Zusammenfassen: Deutsch (Alles), Sozialkunde (EU, Friedensbegriff/ Internationale Politik), Englisch (Red Dust, The Zoo Story), Lernen: ALLES!!

(Text: Miriam GrÀf / Foto: Givany hecht / www.jugendfotos.de)
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Über den Autor

Miriam GrÀf
Ressortleiterin Weltenbummler

Wenn Miriam nicht gerade durch Russland reist, dann schreibt sie darĂŒber. Ansonsten erzĂ€hlt sie noch gerne von der großen Liebe oder schreibt Hassreden gegen SchokonikolĂ€use. Miriam ist freie Journalistin fĂŒr verschiedene Online Medien, darunter generationanders.com und to4ka-treff. Seit 2013 ist sie Mentee im Mentorenprogramm der Jugenpresse und Jungejournalisten.de

Anzahl der Artikel : 25

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