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25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl

Wie eine √úbung zum bitteren Ernst wurde

Am 26. April 1986 explodierte Block vier des Atomkraftwerks in Tschernobyl. Die Katastrophe vernichtete s√§mtliches Leben und verseuchte eine gesamte Region f√ľr Jahrzehnte. Die genauen Ausma√üe und Opferzahlen sind bis heute noch nicht bekannt.

Freitag, 25. April 1986
Die 49.000 Einwohner der Ukrainischen Stadt Pyrpjat erleben einen wundersch√∂nen Fr√ľhlingstag. Die Kinder der Stadt toben ausgelassen auf den Spielpl√§tzen; reges Treiben herrscht in den Gesch√§ften und Caf√©s der Stadt. Die Menschen bereiten sich auf das Wochenende vor. Ein ganz normaler Freitag – der die Welt ver√§ndern wird.

tschernobylDrei Kilometer von der Stadt entfernt befindet sich das Atomkernkraftwerk W.I. Lenin. Tausende Bewohner der Stadt Pyrpjat gingen hier Tag f√ľr Tag ihrer Besch√§ftigung nach. In der Nacht von Freitag auf Samstag, soll es ohne eine Einweihung der Mitarbeiter, zu einer Notfall√ľbung in einem der Meiler kommen. Getestet werden sollen Notstromaggregate, die im Fall eines Versagens des √∂ffentlichen Energieversorgungsnetz das Kernkraftwerk weiterhin mit elektrischer Energie zur K√ľhlung und √úberwachung versorgen sollen.
Im Rahmen einer √úbung sollte gezeigt werden, dass die Rotationsenergie der abgeschalteten Turbinen bei einem Stromausfall ausreicht, um die Zeit zwischen 45 Sekunden und 60 Sekunden bis zum vollen Anlaufen der Notstromaggregate zu √ľberbr√ľcken. Nach den Sicherheitsvorschriften h√§tte dieser Test schon vor der Inbetriebnahme des Kraftwerks stattfinden sollen.

Die Stunde des Unfalls
Um 01:23 Uhr wird das Sicherheitsprogramm deaktiviert, die Notfall√ľbung beginnt. Nach bereits kurzer Zeit kann das vorhandene K√ľhlwassersystem die Betriebstemperatur im Reaktorkern nicht mehr konstant halten. Infolgedessen kommt es zu einigen folgenschweren Bedienfehlern der Mannschaft. Die Temperatur im Reaktor steigt an. Es kommt es zu einer Serie von Explosionen im Reaktor. W√§hrend die Einwohner von Pyrpjat schlafen, bebt der Boden des Kraftwerks.

Als die Mitarbeiter des Kraftwerks die drohende Katastrophe bemerken, versuchen sie verzweifelt den Test abzubrechen. Durch Hinzuf√ľgen von Storm wird versucht, die K√ľhlung des Reaktors wieder anzutreiben. Doch allen Bem√ľhungen zum Trotz heizt sich der Reaktor weiter auf. Die Katastrophe l√§sst sich nicht mehr verhindern. Es kommt zum GAU – dem gr√∂√üten anzunehmenden Unfall. Dieser verursacht ein Schmelzen des Reaktorkerns und den schlie√ülich eintretenden Super-Gau.

Durch eine weitere gewaltige Detonation fliegt die 1200 Tonnen schwere Reaktorh√ľlle in die Luft. √úber hunderte von Metern breitet sich eine Wolke aus radioaktivem Staub √ľber dem Gel√§nde des Kraftwerks aus. Aus den riesigen L√∂chern spr√ľhen Flammen mit radioaktivem Uran beinahe 1000 Meter hoch in den Himmel. Sie lassen den n√§chtlichen Horizont in bunten Farben leuchten.

Die ersten Feuerwehrm√§nner die am Unfallort eintreffen, bek√§mpfen den Brand ohne geeignete Schutzausr√ľstung. Sie spritzen Tonnen von Wasser ins Feuer. Doch diese Ma√ünahme zeigt keine Wirkung. Die M√§nner sind der gef√§hrlichen Strahlung schutzlos ausgesetzt. Nur durch Gasmasken gesch√ľtzt werden sie in dem noch immer brennenden Kraftwerk eingesetzt. Sie wissen nicht in welche lebensbedrohliche Gefahr sie sich begeben. Die meisten dieser Helfer erliegen bereits nach wenigen Tagen ihren, durch die von der Strahlung verursachten, Verletzungen im Krankenhaus.

W√§hrenddessen bricht der Tag im nahegelegenen Pyrpjat an. Die Anwohner spazieren durch die Stadt. Sie ahnen noch nichts von der Reaktorkatastrophe in der Umgebung. Einige von ihnen hatten in der Nacht zwar bunt leuchtende Lichter am Himmel gesehen, konnten diese aber nicht einordnen oder hielten sie f√ľr ein Ergebnis des Wodkakonsums. Seitens der Beh√∂rden oder Regierung gibt es keine Hinweise auf das Ungl√ľck f√ľr die Bev√∂lkerung, diese kommen aus einer anderen Ecke der Erde.

tschernobyl_textWieso die Schweden die Katastrophe vermeldeten
In einem schwedischen Kernkraftwerk wird an diesem Tag ein kontaminierter Arbeiter entdeckt und der Reaktor daraufhin notabgeschaltet. Später entdeckt man, dass die gemessene Strahlung nicht vom eigenen Reaktor stammte, sondern aus der Richtung der damaligen UdSSR kam. Sofort werden Anfragen an die sowjetische Regierung gestellt. Doch Moskau schweigt und bestätigt erst nach weiteren zwei Tagen den Super-Gau in der Ukraine. Der verzweifelte Kampf der Katastrophentrupps beginnt von nun an.

Es wird versucht mit Hubschraubern ein gro√ües Loch im Reaktor zu schlie√üen, doch durch die enorme Strahlung √ľber dem Kraftwerk ist dieses nicht m√∂glich. Auch andere Ger√§te, wie beispielsweise Aufr√§umroboter halten der hohen Strahlung nicht stand und versagen.

Die Beh√∂rden beschlie√üen daraufhin eine gro√üe Zahl von Helfern nach Tschernobyl zu transportieren. Sie sollen als so genannte Liquidatoren jeweils nur f√ľr kurze Zeit unter den lebensgef√§hrlichen Bedingungen t√§tig sein. Es wird mit dem Bau eines Sarkophags begonnen. Dieser Bau aus Beton soll auf das Kraftwerk gesetzt werden und weitere Strahlung vor dem ausdringen hindern. W√§hrenddessen beginnen in Pyrpjat die Evakuierungsma√ünahmen.

Aus dem eineinhalb Autostunden entfernten Kiew erreichen Reisebusse die Stadt, die die gesamte Bev√∂lkerung aus der Stadt bringen sollen. Den Einwohnern wird verboten pers√∂nliches Hab und Gut bei sich zu tragen. Zu gro√ü k√∂nnte die Verstrahlung sein und eine Gefahr f√ľr andere Menschen darstellen. In der Moskauer Spezialklinik Nummer sechs treffen w√§hrenddessen viele Arbeiter mit schweren Strahlenverletzungen ein. Bereits nach der Aufnahme ist den diensthabenden √Ąrzten bewusst, dass es f√ľr die Strahlenopfer keine Rettung geben kann.

Im November 1986 ist der Sarkophag beinahe geschlossen. Landesweit flimmern die Bilder von Arbeitern, die die rote Fahne hissend auf dem geschlossenen Dach des Kraftwerks stehen, aus Fernsehberichten. Ein Abschlussbericht der Regierung soll noch offene Fragen zum Ablauf kl√§ren, doch dieser l√ľgt schlichtweg. In dem Bericht wird behauptet, dass es keine technischen Fehler in der Anlage gab, sondern dass der Unfall auf menschliches Versagen zur√ľck zu f√ľhren ist. Diese L√ľge wird erst vier Jahre sp√§ter seitens der Regierung eingestanden.

Die Folgen f√ľr den Rest der Welt
Über das genaue Ausmaß der Katastrophe von Tschernobyl gibt es nur grobe Schätzungen. Experten gehen davon aus, dass bis zum heutigen Tag zwischen 70.000 und 150.000 Menschen an der Reaktorexplosion und der anschließenden Verstrahlung ganzer Landstriche gestorben sind. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind mehr als 50.000 Menschen an den Folgen gestorben. Die ausgetretene Radioaktivität verseuchte Boden, Gewässer, Pflanzen, Tiere und Menschen. Auch das Grundwasser wurde langfristig mit radioaktiven Stoffen belastet.

Die Katastrophe in der Ukraine hatte deutlich aufgezeigt, welche Risiken mit der Nutzung der Kernenergie verbunden sind. Weltweit gr√ľndeten sich Gegenbewegungen zur Atompolitik vieler L√§nder und Staaten. Doch schnell wie er gekommen war, so schnell legte sich der aufgekeimte Widerstand in der Bev√∂lkerung wieder. Im M√§rz 2011, knapp 25 Jahre nach dem Tschernobyl Ungl√ľck, begann die Unfallserie im nordost-japanischen Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi. Erst diese Parallele brachte das Thema schlagartig wieder in das Bewusstsein der breiten Masse.

Heute steht ein 400 Kilometer langer Zaun rund um das verseuchte Gebiet in der Ukraine. Hinter diesem hat sich die Stadt zu einer Geisterstadt verwandelt. Die einzige Zufahrtsstra√üe ist streng √ľberwacht. Nur mit einer Sondergenehmigung bekommt man Zugang in das Sperrgebiet. Noch immer ist die Strahlung im Boden zu gef√§hrlich f√ľr Menschen. Nur am 9. Mai, dem Jahrestag der Stadt, d√ľrfen die ehemaligen Bewohner f√ľr kurze Zeit in ihre alte Siedlung.

Insgesamt betreiben 32 Länder weltweit Kernkraftwerke. Zehn von diesen 32 Ländern treiben den Bau von unterirdischen Endlagern voran, derzeit gibt es allerdings noch keine sichere Endlagerung. Die meisten sollen zwischen 2025 und 2035 in Betrieb gehen. Bis dahin hoffen Forscher auf eine Technologie, die es ermöglicht die Strahlungszeit des atomaren Abfalls von Jahrmillionen zumindest auf Jahrhunderte zu reduzieren.
Die √§ltesten unbestritten fossilen Funde des Homo sapiens sind 160.000 Jahre alt. Sollte es irgendwann die Menschheit nicht mehr geben, wird die einzige Hinterlassenschaft ihr radioaktiver M√ľll sein. Und: Dieser strahlt noch weitere Jahrhunderte.

(Text: Benjamin Eichler / Fotos: Elena Filatova)
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Benjamin Eichler
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