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16 Jahre ohne Ton

Soundvillage: Portrait von Rapperin Angel Haze

Was Raykeea Wilson erlebt hat, ist nur sie im Stande, in Worte zu fassen. Ungeschönt und brutal erzählt die US-amerikanische Rapperin von Nötigung, Hass, Angst und Befreiung und stellt dabei andere weibliche Künstlerinnen wie Nicki Minaj und Azealia Banks in den Schatten. Mit zahlreichen Auftritten wird 2013 das Jahr von Angel Haze.

Es könnte die ewig gleiche Geschichte von einer Künstlerin mit schwerer Kindheit à la Eminem sein, die endlich ein Ventil findet, um ihre jahrelang aufgestaute Verzweiflung hinauszulassen. Doch Angel Hazes Leben lässt sich nicht als Klischee lesen, sie ist kein Mädchen aus der Bronx, das mit Bandenkriminalität aufwuchs. Die Gang, die ihr das Leben schwer machte, war vielmehr eine Sekte.

 

Mit ihrer Mutter stand Raykeea Wilson unter den wachsamen Augen einer apostolischen Gemeinschaft in Virginia, die ihr vorschrieb, welche Musik sie zu hören und welche TV-Sender sie zu sehen hatte. In einem Cover von Eminems „Cleanin‘ Out My Closet“ rechnet sie mit ihrer traumatischen Kindheit ab und gesteht zu Beginn des Songs: „This might get a little personal, or a lot actually“.

 

Es ist kein Mitleid, das Raykeea erzeugen möchte, wenn sie davon erzählt, wie sie im Alter von sieben Jahren von einem Mann des Clans vergewaltigt wurde. Ohne Vater aufgewachsen, habe ihre Mutter stumm ertragen, was nachts passierte. Die einzige Möglichkeit, den Schmerz zu verarbeiten, bietet sich dem Mädchen, in dem es Raptexte in Tagebücher schreibt. Damals verurteilt es seine Mutter, heute weiß es, dass auch diese nichts hätte erreichen können. Mit 16 wagt die Familie die Flucht aus Virginia: „Hey, Momma, remember when we left home? Damn, I was barely half grown I kept crying as you sat me on that Greyhound and tried to reassure me that things would be okay now“ („This Is Me“).

 

In New York angekommen, studiert Raykeea zunächst Neurologie, bevor sie sich dem Rap zuwendet und sich aus den Fängen der Kindheit befreit, die nie eine Kindheit war. Angst vor sich selbst habe sie gehabt, hungerte sich runter, um für niemanden mehr attraktiv zu sein („Cleanin‘ Out My Closet“). Die Vergewaltigungen prägten auch Angel Haze‘s Sexualität: „I was extremely scared of men, so I start liking girls“, erklärt die bisexuelle Rapperin.

 

Es ist tatsächlich ein trüber Schleier, der den indianischen Engel Raykeea umgibt. Mit ihrem vierten Mixtape „Reservation“ spielt sie auf ihre Wurzeln an. Doch „Reservation“ bedeutet auch Berührungsangst, Zurückhaltung.

 

Verletzlich und gleichzeitig hart gibt sich Angel Haze, die ein neues Selbstbewusstsein für das eigene Können entwickelt hat. Raykeea ist eine starke Frau, die weiß: „I came from the fuckin‘ bottom, I’m top now, […] I just popped up out the blue“ (Werkin‘ Girls).

 

Doch nicht nur textet und rappt Angel Haze die US-amerikanische Eastside an die Wand, auch in den Refrains zeigt die fragile Amazone, dass sie eine engelshafte Stimme für sanfe Melodien hat und sich nicht alles um ihre Traumata dreht: „If love is chemistry, then you and I could be its ions, if love is mostly strength, then you and I could be the iron“ (Chi (Need To Know)). Eine Zeile, die von solcher Kunst zeugt und die man bei Nicki Minaj („Starships“) oder Azealia Banks („212“) vergeblich sucht. Vielleicht sind es gerade die sechzehn Jahre kulturelle und musikalische Isolation, die aus Raykeea ein Wunderkind machten.

 

Obwohl sie schon 2011 ihre ersten Mixtapes „Altered Ego“ und „King“ herausbrachte, dürfte Angel Haze erst 2013 ihren großen Durchbruch feiern, schließlich prophezeiten die BBC Sound of 2013 – Juroren ihr einen Platz unter den fünf Newcomern dieses Jahres. 283 Meilen von ihrer Geburtsstadt Detroit wird Raykeea in diesem Jahr beim Lollapalooza Festival in Chicago aufteten und viele weitere Festivalbühnen der Welt besteigen. Der Satz aus ihrem Song „Gossip Folks“ trifft den Nagel auf den Kopf: „Just a month ago I was a nobody now everybody wanna fucking know about me“.
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Über den Autor

Ronja Heintzsch
Ressortleiterin Kultur

Konstruktive Kritik in bitterscharfen Kommentaren üben, die Welt bereisen, auf aktuelle Problematiken hinweisen - all dies sind Gründe, aus denen Ronja beschloss, sich dem Metier Journalismus zu verpflichten. Schließlich gibt es noch einige unaufgedeckte Watergate-Affären in dieser Welt.

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